Dienstag, 8. September 2015

LOKALRUNDE 2015 - SC Geislingen gegen SV Bonlanden

Verdienter Freudentanz für Geislingen

"Schön ist es hier - schön laut" soll Matthias Herget, seineszeichen damals Nationallibero und Spieler von Bayer 05 Uerdingen gesagt haben, als er das Stadion im Eybacher Tal betreten hat. Ein namentlich nicht überlieferter Fan des heimischen SC Geislingen soll daraufhin den Satz geprägt haben, hier sei es halt wie in der "Anfield Road", was für die DFB-Pokalsaison 1984/85 auf Geislingen auch irgendwie zutraf. Die Begeisterung, mit der Spieler und Fans seinerzeit den HSV bezwangen, sich von Kickers Offenbach nicht aufhalten ließen und es auch dem späteren Pokalsieger Bayer 05 Uerdingen verdammt schwer machten, sucht in der Geschichte des Amateurfußballs seinesgleichen.

LOKALRUNDE - Der Tag des Amateurfußballs startete an diesem Wochenende zur zweiten Ausführung, nachdem bereits 2014 die Faninitiative "Glotze Aus, Stadion An!" den ersten Austrag über die Bühne brachte. Diesmal fand die Veranstaltung an zwei Wochentagen statt, und erstmals haben sich auch Mannschaften aus Württemberg zu dieser Aktion bekannt und ihre Heimspiele angemeldet.


Die Ehre, das erste LOKALRUNDE-Heimspiel auf württembergischen Boden austragen zu dürfen, kam dem legendären SC Geislingen aus der Fünftälerstadt zugute, die ihre Landesliga-Partie gegen den SV Bonlanden als Werbung für den Amateurfußball zur Verfügung stellten. "Unsere Landesliga-Fußballer unterstützen die Aktion und wollen am heutigen Nachmittag mit attraktivem Fußball darauf aufmerksam machen, dass sich der Weg auf den Sportplatz vor der eigenen Haustüre lohnt und dieser vor lauter Bundesliga, Sky, etc. nicht aus den Augen verloren werden sollte" kündigte das Stadionblatt an, und die Geislinger haben diese sich selbst gestellte Aufgabe mit Bravour gemeistert. Haltungsnote 1,0 mit Sternchen, würde ich sagen. Die 239 Zuschauer kamen, sofern sie zur Heimmannschaft hielten, auf ihre Kosten, und das schnelle Spiel im attraktivem Stadion hat wahrlich den Appetit auf Landesliga-Fußball geweckt. Aber der Reihe nach.

Wer sich für württembergischen Amateurfußball interessiert, der kommt um den SC Geislingen natürlich nicht herum, und auch für Amateurfußballlegende Bredi war es fast schon eine Sünde, das ich noch nie das Stadion im Eybacher Tal besucht habe. Eigentlich wollte ich ja die Veröffentlichung von "Heimspiele" abwarten, damit ich mit den Informationen aus dem Buch mit zusätzlichen Wissen glänzen kann, aber die LOKALRUNDE gab mir die Gelegenheit, den ehemaligen Pokalschreck früher aufzusuchen.

Die Gründung des SC Geislingen, die am 31. Mai 1900 erfolgte, hängt sehr eng mit der aus Geislingen stammenden Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF) zusammen. Allerdings war es keine Gründung "von Unten", sondern "von Oben". Im Gegensatz zu anderen Vereinsgründungen, wo Arbeiter und Angestellte dem Lederball nachjagten, kam die Initiative zum Fußball vom WMF-Prokuristen, dem Kommerzienrat Theo Ritter. Welche Motivation dahintersteckte, konnte ich nicht herausfinden, jedoch wäre Württembergs Fußballgeschichte um einiges ärmer ohne den Club aus dem Filstal, der damals als Sport-Club Geislingen aus der Taufe gehoben wurde und neben Fußballsport sich dem Tennis und der Geselligkeit verschrieb.

Das erste Fußballspiel in Geislingen erfolgte am 5. August 1900. Gast war der Privatturnverein Ulm, der längst im Stammbaum des SSV Ulm 1846 Fußball aufgegangen ist, und mit 5:0 Sieger blieb.

1911 gingen die Tennisspieler und die Fußballer getrennte Wege, die Kicker behielten dabei den Namen Sport-Club. Erst 1913 trat Geislingen dem Süddeutschen Fußballverband bei und wurde der C-Klasse zugeordnet, zu einer frühen Blüte kam es durch den 1. Weltkrieg nicht mehr. Nach dem Weltenbrand 1914/18 hieß der SC ab 1919 bis 1946 Fußballverein 1900 Geislingen, marschierte aber bereits 1920 von der B-Klasse in die A-Klasse durch. Über diese frühen Jahre befinden sich sehr wenige Unterlagen in meinem Archiv, aber zumindest waren die Geislinger anders als Ulm oder Heidenheim "echte" Württemberger und nicht wie diese dem Bezirk Südbayern zugeordnet.

1932 nahmen die Geislinger als Staffelsieger an der Aufstiegsrunde zur Kreisliga Zollern - der damals zweithöchsten Spielklasse - teil, und konnten sich hinter der FG 09 Hechingen den Aufstieg sichern. Die Saison 1932/33 war indes weder von Erfolg gekrönt - man wurde Letzter mit 4-36 Punkte - noch finanziell erfolgreich. Nicht zuletz die Auswärtsfahrten nach Nürtingen (0:6) oder Tailfingen müssen die Kasse belastet haben, wiewohl bei Heimspielen selten weniger als 2.000 Zuschauer ins Stadion kamen.

Bezirksklasse (2. Liga) 1933/34
Nachdem die Nationalsozialisten auch den Fußball in Württemberg nach ihrem Sinne neu ordneten, blieben die Geislinger zweitklassig. Die Zuordnung in der nur noch aus drei Staffeln bestehenden Bezirksklasse (Gruppe 3, Ost) brachte weniger Partien in Südwürttemberg, dafür mehr im Filstal und der Ostalb, u. a. auch gegen Normannia Gmünd.

1937 klopften die Geislinger sogar an der Tür zur 1. Liga, nachdem sie ungeschlagen Meister ihrer Staffel wurden. Allerdings endete die Aufstiegsrunde zur Gauliga Württemberg nur mit Platz 5, mußte man nicht nur dem Ulmer FV 94 und dem VfR Schwenningen den Aufstieg überlassen, sondern konnte überhaupt nur einen Sieg einfahren (3:2 gegen Salamander Kornwestheim).

Im Pokal ließen die Geislinger erstmals 1939 aufhorchen, als sie es in die Gauausscheidung zum Tschammer-Pokal schafften (dem heutigen DFB-Pokal), und dem Erstligisten SpVgg Cannstatt immerhin eine Verlängerung abtrotzten, ehe sie mit 1:2 unterlagen.

Oktober 1941. Geislingen unterliegt in Esslingen mit 0:6
Auch wenn die Staffeleinteilungen von Saison zu Saison wechselten, so konnte der FV Geislingen auch während des 2. Weltkrieges seinen Spielbetrieb aufrecht erhalten, ehe auch hier der "totale Krieg" die Einstellung des Spielbetriebes führte.


Seit 1946 - im Verein entstanden viele weitere Abteilungen - tritt man in der Fünftälerstadt wieder unter dem Namen Sport-Club 1900 gegen das Leder. Zunächst in der Bezirksklasse startend, gehörten die Geislinger 1950/51 zu den Gründungsmitglieder der 2. Amateurliga, Staffel 3 (vergleichbar mit der heutigen Landesliga), belegten auf Anhieb Platz 2 hinter dem 1. SSV Ulm, aber vor Kickers Vöhringen und den Sportfreunden Gmünd. Zu den bemerkenswerten Siegen gehört der 10:0-Heimsieg über die Sportfreunde Lorch. Im Folgejahr wurde der SC Geislingen Meister mit drei Punkten Vorsprung vor dem SSV Ulm, und auch die Aufstiegsrunde wurde erfolgreich abgeschlossen. Der SC Geislingen war in der höchsten Amateurliga Württemberg angekommen, wo sie auch bis 1974 blieben. Legendäre Jahre begannen in den "goldenen" 50er Jahren, die die Geislinger auch zweimal fast in die damalige 2. Liga Süd geführt hätte. 1959 ging der Titel des Württembergischen Meisters nach Geislingen, wiewohl der Aufstieg in die 2. Liga mißglückte. In der Saison 1959/60 ließ Geislingen das erste Mal als Pokalschreck aufhorchen, als in der 1. Runde des Süddeutschen Pokals BC Augsburg mit 5:4 nach Hause geschickt wurde. Die 2. Runde brachte den Oberligisten und alten Vorkriegsrivalen SSV 05 Reutlingen nach Geislingen, der den Amateurligisten völlig unterschätzte. 3.500 Zuschauer sahen, wie die Geislinger in Unterzahl einen frühen Rückstand in der 87. Minute mit einem Treffer Ender egalisierten und ein Wiederholungsspiel erzwangen. Dabei waren die Geislinger seit der 67. Minute sogar in Unterzahl.

Im Rückspiel in der Reutlinger Kreuzeiche, dem trotz klirrender Kälte bis zu 300 lautstarke Geislinger Fußballfans folgten, war der große SSV vorgewarnt und siegte klar und ungefährdet mit 5:3. Auch in der Amateurliga reichte es den Geislingern zu erneuten Aufstiegsträumen, scheiterte jedoch erneut. Danach schien zunächst mal die Luft aus dem Club raus. 1962 noch mit einem 5. Platz abgeschlossen, kämpfte der Verein ein Jahr später gegen den Abstieg.

1968 blieb der SCG mit einem Punkt Rückstand auf Meister TSF Esslingen Zweiter. Erstmals nach langer Zeit stieg Geislingen im WM-Jahr 1974 ab. Ein sofortiger Wiederaufstieg aus der 2. Amateurliga mußte indes verschoben werden, 1975 blieb Geislingen nur Platz 6. Mit einem 7:3-Sieg beim TSV Heubach trug der SCG ein kurioses Ergebnis in seine Annalen ein. Ein Jahr später reichte es schon für Platz 4, wobei man beim SV Rehnenhof mit 0:6 unterging. Die Rückkehr ins WFV-Oberhaus gelang 1976/77. In einer kuriosen Saison wurde man Meister der Staffel 3, punktgleich mit der SpVgg Au und dem FV 09 Nürtingen.

Hauen und Stechen war 1977/78 angesagt, denn die Amateurliga Württemberg ging in die letzte Saison und wurde durch die Ober- und Verbandsliga ersetzt. Die Geislinger konnten sich nicht qualifizieren und wurden in die mittlerweile fünftklassige Landesliga versetzt.
Platz 3 klang zwar gut, hieß aber in der Realität 9 Punkte Rückstand auf Meister VfR Aalen. Der TSV Stuttgart-Rohr (9:1) und die TSGV Waldstetten (8:2) durften die Torgefährlichkeit der Geislinger besonders bitter erfahren.

Der Aufstieg in die Verbandsliga gelang 1980 vor dem SV Stuttgart-Rot und der Normannia Gmünd. Die Geislinger waren in der Verbandsliga nicht nur der beste Aufsteiger (10. Platz), sondern auch der einzige Neuling, der den Klassenerhalt sicherte. Da konnte man auch mal eine 4:6-Heimniederlage gegen den VfB Friedrichshafen verschmerzen.

Im verflixten zweiten Jahr folgte der Abstieg (drei Punkte hinter dem Heidenheimer SB), konnte aber im DFB-Pokal dem VfR Bürstadt ein Wiederholungsspiel abringen. Selten souverän kehrte ein Absteiger in die Verbandsliga zurück wie Geislingen - 14 Punkte Vorsprung und 100:35 Tore. Damit nicht genug: im Aufstiegsjahr landete Geislingen punktgleich mit Meister FC Marbach auf Platz 2, und in den Aufstiegsspielen kam es zum Duell mit dem HSV-Pokalschreck VfB Eppingen. In Nordbaden unterlag man mit 0:2, doch vor 2.000 Zuschauern im Eybacher Tal erkämpfte sich Geislingen ein 3:0, was sie erstmals in die Amateur-Oberliga Baden-Württemberg brachte. Der heutige Trainer Uli Haug erlöste in der 69. Minute den SCG mit dem 3:0, nachdem Joachim Oetinger in der 2. und 47. Minute das Eppinger Ergebnis egalisierte. Zusätzlich zum Aufstieg wurde in Geislingen auch nach einem 2:1 über den TSV Ofterdingen der WFV-Pokalsieg gefeiert.



Unter dem neuen Coach Jakob Baumann landete der Neuling gesichert auf Platz 5, und Wolfgang Haug durfte sich mit 24 Treffern als Torschützenkönig der Liga feiern lassen, während im Schnitt 1.188 Zuschauer die Spiele verfolgten. Unvergessen allerdings bleibt wohl für immer der Triumph im DFB-Pokal. Der Hamburger SV, beseelt, kein zweites Eppingen zu erleben, ging sensationell in Geislingen mit 2:0 ein - trotz eines Uli Stein, Felix Magath oder Manni Kaltz. 7.000 Zuschauer wurden Zeugen dieses Fußballwunders, das in der 2. Runde seine Fortsetzung fand. Da mußte Zweitligist Kickers Offenbach mit 4:2 Federn lassen, und erst im Achtelfinale bedarf es den späteren DFB-Pokalsieger Bayer 05 Uerdingen unter tatkräftiger Mithilfe des Schiedsrichters, um Geislingen zu stoppen.

Doch Ruhm verblasst schnell. 1986 stieg Geislingen in die Verbandsliga ab, konnte aber sofort wieder korrigiert werden. Noch einmal wurde 1989 der WFV-Pokal nach Geislingen geholt, ein erneutes DFB-Pokalwunder blieb diesmal aber aus (0:3 gegen den TSV 1860 München). 1991 stiegen die Geislinger ab, kehrten über die Relegation mit Trainer Max Fischer 1992 wieder zurück. ÜBer zweistellige Tabellenplätze kamen die Geislinger aber nicht mehr hinaus, und auch die Zuschauerzahlen gingen auf 700 zurück.

Noch einmal, 1995, die Oberliga war nach Einführung der Regionalliga nur noch viertklassig, klopften die Geislinger oben an. Danach war die Luft raus. 1996 erfolgte der neuerliche Abstieg, 1998 gar der Sturz in die Landesliga. Bittere Jahre folgten für die Geislinger, die sogar in der Bezirksliga vorbeischauten. In die mittlerweile nur noch siebtklassige Landesliga kehrte der SC Geislingen 2011 zurück, und man möchte hoffen, dass der Traditionsverein nicht nur der Klasse erhalten bleibt, sondern auch mal wieder in der Verbandsliga vorbeischauen möchte. Die letzten beiden Spielzeiten sahen die Geislinger zwar unter den ersten 5 in der Tabelle, aber auch abgeschlagen zur Spitze.

Heimtückische Wanderwege
Da ich mich noch im Urlaubsmodus befand, hielt ich es für angebracht, meinen Besuch in Geislingen an einer kleinen Halbtageswanderung zu koppeln, die mich morgens um 7:45 Uhr aus dem Haus jagte, damit ich um 8:26 Uhr von Weißenstein aus über die Alb wandern konnte. Diese Option, allerdings von Schwäbisch Gmünd aus, folgten übrigens auch die Urväter der Normanniafußballer, wenn sie zu Auswärtsspielen nach Geislingen mußten. Über Kuchalb folgte ich einen Trailpfad talabwärts, der jedoch mit gestürzten Bäumen übersät war, so daß ich mir selber beim überklettern einen bösen Sturz zuzog. Dennoch kam ich mit großem Vorsprung vor dem SV Bonlanden in der Fünftälerstadt an, und konnte mich im Vereinsheim der Geislinger gütlich an der vorzüglichen Küche mit den mehr als großzügigen Portionen laben (um hier ein Beispiel zu bringen, was „großzügig“ heißt: man muß den Teller erst leer essen, damit ihn überhaupt erst sehen kann).



Zwischenzeitlich rückte auch Bredi ein, der moderne Fortbewegungsmittel zur Anreise nach Geislingen gewählt hatte, nichtsdestotrotz aber sich diese Partie nicht entgehen lassen wollte. Zudem ist der „Botschafter des Amateurfußballs“ auch in Geislingen bekannt wie der sprichwörtliche  bunte Hund und stets ein gern gesehener Gast – bei einem seiner letzten Besuche haben die Geislinger ihm ein eigens für ihn gefertigtes Trikot übergeben. Man merkt, der Verein ist erfrischend „gut drauf“ und verharrt nicht in irgendwelchen altbackenen Ritualen aus der Vergangenheit.




Ich wollte die mir im Vereinsheim angefressenen Pfunde zunächst mal wieder abarbeiten und besah mir in Ruhe das Stadion. Wie der Name „im Eybacher Tal“ erahnen läßt, liegt es landschaftlich betrachtet sehr schön eingebettet, reizvoller gar als das ebenfalls schön gelegene Albstadion in Ebingen. Das der DFB-Pokaltriumph von anno dazumals hoch in Ehren gehalten wird, ist absehbar – Ehre wem Ehre gebührt. Aber der satzungsmäßige Vereinszweck besteht nicht nur daraus, Fußballvereinen aus Hamburg die Suppe zu versalzen. Auf eine gute Jugendarbeit wird ebenso wert gelegt, und während auf dem Nebenplatz der Fußballnachwuchs verbissen trainiert, als ob gerade der HSV-Bus um die Ecke fahren würde, kommen im Vereinsheim auch die Pokal- und Meisterehren der Jugendabteilungen zur Geltung – und eben nicht „nur“ 1984/85.

Bredi fürchtet weder Tod und Teufel noch Trommel 
Im Stadion herrscht freie Platzwahl, und ein guter Blick ist natürlich von der Tribüne gewährleistet. Dort bereits platzierte Trommeln kündigen auch bereits optisch an, das die Akustik dort oben gut genug zu sein scheint, das auch mit kleinen Gruppen ordentlich Stimmung gemacht werden kann. Dort verpflanze ich mich zunächst mal, um die 1. Halbzeit von dort aus zu besichtigen, und Stück für Stück trudeln auch die Zuschauer auf die Tribüne ein. Bredi zeigt sich hierbei todesmutig, setzt er sich doch unter Mißachtung sämtlicher Geräuschsicherheitsvorschriften direkt vor die Trommeln.

LOKALRUNDE 2015 ....
.... und Händeschütteln 2015










Im Programmheft wurde nicht nur die eigene LOKALRUNDE-Veranstaltung erwähnt, sondern auch auf die Tags darauf stattfindende Partie des TV Echterdingen hingewiesen, was ich als einen sportlichen Zug empfand. Von den Spielern, die von meiner Position kaum größer als Tipp-Kick-Figuren wirken, erkenne ich Ex-Normanne Benjamin Klement beim aufwärmen. Und schon geht es los mit ein wenig Pow-Wow – zwar nicht zu LOKALRUNDE, aber über Fair Play und „shake hands“, wie eine vom Verband angesetzte Aktion heißt.











Der Spielbeginn zeigt neben wilder Trommelei der Geislinger Fans – von Bredi übrigens mit einer bewundernswerten Gemütsruhe ertragen – auch eine aufspielende Heimmannschaft, wobei Bonlanden durchaus seine Chancen sucht und auch findet. Jedoch bleiben – wenn meine Erinnerung nicht trügt – große Aufregungen in der Anfangsphase aus, wenn man von einem Knall auf der Tribüne absieht, der selbst die Trommler in den Schatten stellt. Als ein kleiner Knirps versehentlich die dort deponierte Torwand umwirft, lenkt der erzeugte Lärm in der Lautstärke Napoleonischer Artillerie kurz die Aufmerksamkeit vom Spielgeschehen zu besagten Knaben, dem der Schreck mehr als deutlich anzusehen ist. Die hellen Haare hatte er aber hoffentlich bereits vorher und nicht durch den Schreck erlitten.


Die "Anfield Road" des Filstales.
Die Sicht von der Tribüne ist zwar glänzend, richtig aufregend für mich ist es aber am Spielfeldrand, wo man noch vom Ball als Einschlagsziel auserwählt werden kann. Die Nähe zum Spielfeldrand gefällt mir in Geislingen – fast schon wie in England, womit schon wieder der Bogen zur „Anfield Road“ gezogen ist. Kaum am anderen Ende des Spielfeldes angelangt, da gibt es auch schon Aufregung: der Schiedsrichter entscheidet nach einem Foul im Strafraum auf Elfmeter für Geislingen, doch 2 Minuten vor Seitenwechsel scheitert Karlo Petricevic an Bonlandens Torhüter Philipp Günther. Nicht nur ich dachte da, daß sich der vergebene Elfer in der zweiten Halbzeit rächen würde.


Vergebener Elfer - oder parierter Elfer (je nach Vereinssicht)
Zur Halbzeit stand es 0:0, wobei die Partie nicht nur wegen dem Elfmeter keinesweg uninteressant war. Ein Tor lag wahrlich in der Luft, wobei dieser Elfmeter-"Schock" nach einer Bonlandener Retourkutsche roch. Die zweite Halbzeit brachte aber zunächst mal nachträgliche Ehren für Karlo Petricevic, der sich in der 52. Minute mit dem 1:0-Treffer in die Torschützenliste eintragen konnte.

1:0 in der 52. Minute...
...durch Petricevic.










Doch damit nicht genug. Kaum das ich meine Kamera senkte, erzielte Sven Sönmez das 2:0. War das Spiel zuvor noch relativ ausgeglichen, so dominierten jetzt die Geislinger, die zudem - lautstark unterstützt von der Tribüne - auch einen neutralen Zuschauer begeistern konnten. 


Ähnliches Tor....
...anderer Freudentanz. 2:0 durch Sönmez










Henning Tatje
Mit dem 2:0 im Rücken spielten die Geislinger schneller und spielfreudiger - eine sehr gute Werbung für den Amateurfußball! Ich gönnte mir einen erneuten Platzwechsel, wo ich zunächst auf Sven Grewis treffe, der für den SCG fotografiert, Liveticker im Internet platziert und die Geislinger Facebookseite betreut. Ein echter Tausendsassa eben wahrscheinlich mäht er auch simultan den Rasenplatz, während er Sponsoren betreut und den Drucktermin des Stadionhefts überwacht.

Während ich mich mit ihm über Spätzleskick, Lokalrunde und SC Geislingen unterhalte, stößt ein alter Bekannter zu uns, den ich noch nie zuvor gesehen habe - moderne soziale Medien machen sowas möglich. Henning Tatje aus Oldenburg in Oldenburg, Cessena-Fan und Mitarbeiter in Zeitspiel, dem neuen und gänzlich anderen Magazin für Fußball-Zeitgeschichte, nahm LOKALRUNDE zum Anlaß, in Geislingen vorbeizuschauen. Mit im Gepäck das Cessena-Maskottchen, das dadurch Gelegenheit bekam, HSV-Bezwingerluft zu schnuppern.

Jubel nach dem 3:0
Zwischenzeitlich donnert Nicola Orlando in der 70. Minute aus gut 25 Metern das 3:0 in die Maschen, das ich nur noch im Torjubel fotografisch festhalten kann. Das Spiel war gelaufen, und aus Bonlandener Sicht sah es nicht mehr nach einem Wunder vom Eybacher Tal aus.

Julian Schleich schnappt sich den Ball.
Treffer, versenkt! 4:0.










Der Todesstoß, das 4:0 in der 80. Minute durch Julian Schleich, sah dann fast schon nach Formsache aus - Bonlanden mag es mir verzeihen.


Geislinger Fußballballett
Beste Sicht auf vier Tore















Als es so aussah, als ob jetzt jeder mal ein Tor schießen dürfe, wurde es aus Gmünder Sicht endlich interessant, als Trainer Uli Haug Benjamin Klement ins Spiel - jedoch blieb er gänzlich ohne Torerfolg und düste im Spielgeschehen nur einmal Autogrammkartenmotivmäßig vor meine Kamera. Aber vielleicht wäre ein 5:0 auch wahrlich zu viel des Guten gewesen. Wie auch immer, Geislingen machte verdammt gute Werbung für den Amateurfußball, Lust auf einen Besuch beim Verein "umme Ecke". Und Beni Klement durfte zum Schluß wenigstens noch Kapriolen schlagen - die Lust und der Spaß am Rasensport ist ihm noch immer nicht vergangen.

4:0 - da kann man schon mal Purzelbäume schlagen
Henning und ich machten es uns kurz noch im Vereinsheim gemütlich, um über die gemeinsame Liebe zum Amateurfußball zu philosophieren, ehe ich mich von der Geislinger Gastfreundschaft verabschieden mußte. Der Rückweg in die Stauferstadt ging per Bahn vonstatten, und Henning erklärte sich freundlicherweise bereit, mit zum Bahnhof zu chauffieren, damit ich völlig stressfrei mein Ticket lösen konnte. Auf den Weg zum Bahnhof, vorbei an tristen grauen Häusern, dachte ich mir: irgendwie ist nach dem WMF-Towuhabohu nur noch der Sportclub eine ureigene Geislinger Marke. Eine starke obendrein. Auch ohne HSV-Vergangenheit.

Samstag, 5. September 2015

Derbykater - 1. FC Normannia Gmünd gegen 1. Göppinger SV

Katerstimmung im Schwerzer
Dem Chronisten fällt es nicht leicht, von einer Niederlage seiner Heimmannschaft zu berichten, zumal das 0:2 gegen den Filstalrivalen Göppinger SV auch noch verdient war. Noch nicht einmal dem Schiedsrichter kann man die Schuld geben, denn Stefan Fimpel aus Bad Wurzach hat seine Arbeit sehr ordentlich gemacht und rechtzeitig beiden Parteien klar gemacht, wer hier auf dem Feld das sagen hat.

Nein, als Fußballfan hat man es da schwer und muß es "einfach so mal" akzeptieren, das die Gastmannschaft an jenem Freitagabend schlicht besser war. Da Fußballer und deren Fans gerne zum Aberglauben neigen, kann man es höchstens auf den Freitag schieben, denn schon der Saisonauftakt gegen die SV Böblingen war mit einem 1:1 an einem Freitag nicht mit einem "Dreier" gekrönt.


Begonnen hat die Sache ja richtig gut. Das Wetter war auf Fußballfans ausgerichtet, und Herr Stegmaier im Kassenhaus des Haupttores durfte sich auch über kleine Schlangen am Eingang freuen. 720 Zuschauer (!) - eine Zahl, mit der man ruhig auch mal mit der Zunge schnalzen darf - fanden den Weg in den Schwerzer, darunter auch zahlreiche Gästefans.


Während sich die Göppinger Spieler bereits mit dem Rasen vertraut machen, begrüße ich derweil Dennis Dudek, dessen Herzblut an den Schwarz-Roten aus dem Filstal hängt und der sich gerade lukullisch stärkt. "So habe ich das gerne", rufe ich ihm zu, "aus dem Filstal herkommen und uns die Lebensmittelvorräte wegfuttern". Moralische Unterstützung erhält er sofort von Göppinger Betreuerseite. "Bei uns gibt es nur Wasser und Brot, da stärkt man sich bei jeder Gelegenheit". "Aha", erwidere ich, "Wasser und Brot? Das ist also Euer Geheimnis. Das notiere ich sofort".

Schönes Foto, aber blödes Tor. 0:1 für Göppingen.
Mario, treu wie der eiserne Heinrich, stand natürlich bereits am Posten hinter dem Tor. Indes, es hat nichts genutzt. Warum um den heißen Brei herum reden? Der kürzeste Spielbericht aller Zeiten geht folgendermaßen: 0:1 Göppingen in der 1. Halbzeit, 0:2 Göppingen in der 2. Halbzeit. Dazwischen sorgte Konstantin "Kiki" Kühnle im Gmünder Tor mit ein paar Pantherreflexen dafür, das die Anzeigetafel wenigstens nicht schlimmere Spielstände von sich gab.



Kann es noch schlimmer kommen? Es kann! Bereits zur Halbzeit mußten wir Getränketechnisch von Bier Appel über Kocherreiter zu gar nichts wechseln, wobei gar nichts von der Biernote nicht nur nach nichts schmeckt, sondern auch nicht erfrischt. Offenbar war man auf über 700 durstigen Zuschauern nicht vorbereitet.

Ungewöhnlicher Ballkontakt

So mußte später das Vereinsheim herhalten, die Hopfensucht zu befriedigen, was mich leider in die Nähe der Länderspielübertragung brachte, aber dafür zu angenehmen Unterhaltungen führte. Mit Tim Geideck, der sonst lesenswerte Artikel im Schwarzwälder Boten schreibt, konnte ich so über den Amateurfußball und LOKALRUNDE fachsimpeln.

Kurz und Wurz: so ist halt Fußball. Ich nehme die Niederlage sportlich. Denn jetzt kommen endlich wieder Samstagsspiele, und die sahen in dieser Saison bislang Normannia als Sieger.



Montag, 27. Juli 2015

"Arrogant und Spaß dabei" - SV Salamander Kornwestheim gegen TSV Crailsheim

"Heißer Sand, und ein verlorenes Land"
Eingeengt zwischen Stuttgarts Stadtteil Zuffenhausen mit seiner großen Fußballtradition und der Residenzstadt Ludwigsburg hält die 32.000-Einwohner-Stadt Kornwestheim ihre Nische besetzt, wohin mich meine Zugfahrt zum Saisonstart 2015/16 hingeführt hat.

Stadt der Schuhe
Kornwestheim, seit 1931 Stadt, warb früher mit dem Slogan „Stadt der Schuhe, der Eisenbahnen und des Sports“. Eng verbunden ist Kornwestheim mit dem Namen „Salamander“, und wer von „Salamander Kornwestheim“ spricht denkt naturgemäß zunächst an die Schuhfabrik, die früher mit den beliebten Bildergeschichten um „Lurchi und seine Freunde“ warb.

Bei „Salamander Kornwestheim“ denkt man aber auch an Leistungssport in Form von Leichtathletik, an zahlreiche nationale und internationale Rekorde in unterschiedlichen Disziplinen, an Karin Frisch, der „Sportlerin des Jahres“ 1966 oder die berühmte 4 x 100 m Staffel um Hans-Jürgen Felsen, Dieter Enderlein, Peter Gamper und Hans-Dieter Hübner, die 1966 als erste Vereinsstaffel überhaupt unter 40 Sekunden blieb. Alleine aus diesem Grund hat jeder sportbegeisterte Schwabe allen Grund, mit Hochachtung zur Stadt an der Peripherie Stuttgarts zu blicken.

„Salamander Kornwestheim“ ist aber noch mehr, es ist ein bedeutendes Stück württembergischer Fußballgeschichte, und der Traditionsverein stand schon lange auf meiner Wunschliste für einen „Spätzleskick“-Besuch. Da bot sich die WFV-Pokalbegegnung gegen den Ligakonkurrenten TSV Crailsheim regelrecht an. Dabei war die angebotenene Pokalauswahl sehr groß und es noch gar nicht so sicher, dass ich ausgerechnet heuer nach Kornwestheim fuhr. Denn Losfee Bredi, der die Begegnungen für den WFV ziehen durfte, hatte sich alle Mühe gegeben, recht leckere Begegnungen aus den Lostöpfen zu ziehen. Zuerst liebäugelte ich mit dem VfB Friedrichshafen, flirtete kurz mit dem FC Winterlingen und warf begehrliche Blicke in Richtung FV Biberach – allesamt interessante Vereine, die ich auch bei Gelegenheit besuchen werden.

Was aber neben dem alten Traditionsverein für Kornwestheim sprach, war die Tatsache, dass sich in der Salamander-Stadt 2012, noch zu Bezirksligazeiten eine engagierte Fanszene gebildet hat, und die „Division Kornwestheim“ begleitet das Fußballteam mit kreativen Aktionen. Neugier auf die positiv Fußballverrückten, gepaart mit einem Stück Fußballgeschichte, gab schließlich den Ausschlag für die Zugfahrt.

Die Ahnen des Kornwestheimer Fußballs kamen aus Stuttgart. Georg Springer und Hermann Müller, die schon in der Hauptstadt gegen das runde Leder traten, gründeten 1902 den Fußballverein „Runners“, der in direkte Konkurrenz zu dem bereits existierenden Fußballclub Kornwestheim traten, sich aber später vereinten. Als echte Württemberger traten die Runners zunächst in schwarz-roter Spielkleidung, die auch lange später noch, als Salamander dann schon bereits in Grün-Weiß spielte, noch das Ausweichtrikot war.

Wie andernorts hatten auch die Kornwestheimer lange Zeit keinen eigenen Platz, und mußten ihre Torstangen noch vom Gasthaus „Zum Schwanen“ zum damaligen Exerzierplatz schleppen. Sehr nachteilig wirkte sich auch aus, dass ein Großteil der Gründungsmitglieder annähernd gleich alt waren, denn 1908 brachte der Umstand den jungen Verein an den Rand der Existenz, da ein guter Teil der Spieler ihren Wehrdienst ableisteten.

Sehr bedeutsam für die Vereinsgeschichte wurde das Jahr 1909, als die Vereinsführung um Albert Reutter und Ludwig Welde die Firma J. Sigle & Cie. als Förderer des Vereins überzeugen konnten und auf einem Firmengelände an der Stammheimer Straße den ersten eigenen Sportplatz erhielten. Dies war der Beginn der Zusammenarbeit mit der heutigen Salamander AG. Denn obwohl der SVK das „Salamander“ im Namen führt, so war Kornwestheim nie ein Betriebs- oder Firmenverein wie die ursprünglichen Gründungen von Carl Zeiss Jena oder Bayer Leverkusen, sondern standen grundsätzlich Fußballbegeisterungen aller Schichten offen. So traten schon in frühen Jahren Schüler, Studenten, Lehrlinge, Arbeiter, Angestellte, Beamte oder Freischaffende gemeinsam gegen das Leder, wo in anderen Vereinen noch Standesdünkel herrschte.

Es folgte der Beitritt zum Süddeutschen Fußballverband und die Teilnahme am Spielbetrieb. 1911 feierten die Kornwestheimer den ersten Meistertitel in der B-Klasse, 1913 feierte man den Gewinn des Tagblatt-Pokals. Der Erste Weltkrieg brachte eine Zäsur, der junge Verein konnte aber seinen Spielbetrieb unter Mühen aufrechterhalten. 1917 gelang gar noch ein Meistertitel, und 1919 stieg der FV Kornwestheim erstmals in die höchste württembergische Spielklasse auf, nachdem im Entscheidungsspiel der VfR Gaisburg mit 3:1 geschlagen wurde. Höchste Liga, das hieß damals Kreisliga Württemberg, und höher hinaus ging es nicht. VfB und Kickers, Sportfreunde, Heilbronn oder Zuffenhausen hießen die Gegner, denen sich der FVK zu stellen hatte. Diese Zehnerliga war allerdings eine Nummer zu groß, und am Ende der Saison ging es zusammen mit dem SV Tübingen wieder hinab.


1924, der Verein spielte in der A-Klasse, verzog er nach „Kanada“, wie vor dem 1. Weltkrieg im Volksmund eine Gegend an der Weimarstraße hieß. Dort wurde dem FVK ein neuer Sportplatz errichtet und die Mitglieder errichteten aus Holz das erste clubeigene Vereinsheim. Die Rückkehr in höhere Spielklassen gelang den Kornwestheimern 1927 nach dem Gewinn der A-Klassenmeisterschaft vor dem Lokalrivalen Markgröningen. In der Kreisliga Alt-Württemberg, damals zumindest zweithöchste Spielklasse, etablierte sich der Neuling durch einen hervorragenden dritten Platz, ein Jahr später sogar mit der Vizemeisterschaft hinter Meister FV Zuffenhausen. 1931/32 fehlten sogar nur 3 Punkte zur Meisterschaft und Aufstiegsrunde.

Nach der von den Nationalsozialisten vorgenommenen Umgruppierung des Ligafußballs stürzte die Salamander-Elf in die Drittklassigkeit, denn die vorher 5 Kreisstaffeln wurden auf 3 Bezirksligen gestutzt. Dieses unfreiwillige sportliche Talfahrt war aber auch der Beginn einer neuen Ära. Nach mehreren Trainerstationen in Württemberg übernahm 1934 Adolf Ade das Amt in Kornwestheim. Unter Ade wurde eine ganze Generation Spieler geformt, die durch ihre späterhin als „Salamanderstil“ bezeichnete Spielweise wieder für sportliche Höhepunkte sorgten.

Bereits 1934 kehrte Kornwestheim in die Bezirksklasse zurück, und spätestens hier taucht auch der Namenszusatz „Salamander“ regelmäßig in den Ergebnislisten der Sportzeitungen auf. Kornwestheim spielte im Bezirk Unterland durchweg eine gute Rolle, blieben aber stets hinter den Nachbarn Zuffenhausen und Feuerbach zurück. Lediglich 1936/37 errang Salamander die Meisterschaft der Bezirksliga Unterland und ging mit Zuversicht in die Aufstiegsrunde zur Gauliga. Am Ende fehlte jedoch ein Punkt zum Sprung in die Erstklassigkeit.


In den Jahren danach scheiteren die Grün-Weißen wieder knapp in der Bezirksliga, verzeichnete aber für diese Spielklasse hohe Zuschauerzahlen, z.B. 4.200 beim Lokalderby gegen den SV Feuerbach. Im Zweiten Weltkrieg mußte der Spielbetrieb 1942 eingestellt werden, das Clubhaus wurde zu einem Notlazarett umfunktioniert, der Sportplatz von Bombenkratern durchpflügt.

War die Geschichte der Salamander-Elf bis 1945 durchaus erzählenswert, die richtig große Ära begann nach Kriegsende. Zunächst unter dem Namen VfL – sämtliche Kornwestheimer Vereine wurden zu einem Großsportverein vereinigt – scheiterte man am Stuttgarter Gaskessel vor 4.000 Zuschauern gegen die Sportfreunde Eßlingen, die somit in die Landesliga Württemberg aufstiegen. Einen unerwarteten Erfolg hingegen feierten die Jugendkicker, die das Endspiel um die Süddeutsche Meisterschaft siegreich blieben und anschließend noch als „Nobodys“ den Meister der britischen Zone, FC Schalke 04, in Kornwestheim vor 3.000 Zuschauern mit 3:1 besiegten.

Noch einmal nahm Kornwestheim am Aufstieg zur damals zweithöchsten Spielklasse, der Landesliga Württemberg teil, erreichte aber 1949 wieder nur den undankbaren 3. Platz. 1950 schließlich belegte Salamander souverän den 1. Platz in der Aufstiegsrunde. Die Landesliga jedoch war kurz danach Vergangenheit und durch die 1. Amateurliga abgelöst, die nur noch Drittklassig war, die vom Gebietsumfang aber der heutigen Verbandsliga entsprach. Als Gründungsmitglied dieser 1. Amateurliga traf man auf so legendäre Vereine wie den VfR Aalen, Normannia Gmünd oder Olympia Laupheim.

Wie fußballbegeistert die Kornwestheimer Fußballfreunde waren, zeigte sich in den Aufstiegsspielen 1950. Zum VfL Sindelfingen fuhr ein Sonderzug mit 1.500 Fans, und zu den Kickers Vöhringen bei Ulm strampelten einige Fans mit dem Fahrrad hin und zurück, um ihr Team zu unterstützen. Auch später noch gehörte Kornwestheim stets zu den Teams, die vierstellige Zuschauerzahlen ins Stadion lockte und noch eine Weile dem Trend sinkender Zuschauerzahlen im Amateurfußball erfolgreich widerstehen konnten.

Abgesehen von den Spielzeiten 1951/52 und 1957/58, als Kornwestheim in der 2. Amateurliga antreten mußte, gehörte man der obersten württembergischen Amateurklasse bis 1965 an, nahm 1961 als Meister von Nordwürttemberg sogar an den Aufstiegsspielen zur 2. Liga Süd teil. 1967 kehrte man nach zwei weiteren Jahren in der 2. Amateurliga wieder in die 1. Amateurliga zurück. 1969 schließlich stieg Salamander zum endgültig letzten mal aus der 1. Amateurliga ab, und fristete fortan sein dasein in der 2. Amateurliga bzw. ab 1978 in der Landesliga Staffel 1, wo man häufig in oberen Tabellenregionen anzutreffen war.

Als weitere Zäsur muß das Jahr 1983 angesehen werden: Salamander Kornwestheim stieg als Vorletzter aus der Landesliga ab und mußte nun in der Bezirksliga Enz-Murr gegen die lokale Konkurrenz antreten. So etwas gab es zuletzt 1950, und eine ganze Generation Fußballfans hatte sowas gar nicht mehr mit eigenen Augen gesehen. Zunächst schien es, als ob Kornwestheim sich in ein Fahrstuhlteam gewandelt hätte. Stur wie ein Paternoster spulte man Auf- und Wiederabstieg ab. Ab 1987 konsolidierte sich der FVK wieder in der Landesliga, zitterte sich jedoch oft genug zum Klassenerhalt. 1991 erwischte es Kornwestheim erneut, und stieg mit einem Punkt Rückstand auf Pleidelsheim wieder ab. Diesmal gab es keine sofortigen Wiederaufstiege, und die Bezirksliga blieb die Heimat der Grün-Weißen. Man mußte hilflos mitansehen wie Mannschaften, zu denen man früher höchstens zu Freundschaftsspielen fuhr oder die die Gegner der zweiten Mannschaft waren, in der Tabelle an Salamander vorüberzogen. Mehr noch, im Jahr 2000 lag man gar 10 Punkte hinter dem Lokalrivalen Türk SC Kornwestheim.

2006 fusionierte der 1. FV Salamander Kornwestheim 02 mit dem Turnverein 1894 und der 1928 gegründeten Eisenbahner-Sportgemeinschaft zum mitgliederstarken SV Salamander Kornwestheim. Aus der altehrwürdigen Spielkleidung Grün-Weiß wurde Blau-Gelb, und auch das alte Salamander-Wappen hatte ausgedient, wurde durch ein geometrisches Symbol ausgetauscht. Für die Fußballabteilung änderte sich zunächst mal gar nichts: sie krebste weiter in der Bezirksliga herum und träumte von besseren Tagen.

2012, also noch zu Bezirksligazeiten, gründete sich die „Division Kornwestheim“ als Fanbewegung, die mit lautstarker Unterstützung zu Heim- und Auswärtsspielen dem SVK die Treue hält, in Blau-Gelb zum Stadion marschiert und durchaus mal eine Pyroshow abzieht. Als echte Fußballschwaben halten sie es naturgemäß mit dem VfB, das sie aber dennoch (oder gerade deshalb) noch das Motto „Support your local football club“ leben, macht die Jungs eben sympathisch.

Ebenfalls 2012 klopfte Kornwestheim wieder ans Tor der Landesliga, scheiterte jedoch in der Relegation der Bezirksligazweiten mit 0:5 am TSV Hessental. Nach Platz 3 im Folgejahr geschah es 2014, dass Kornwestheim als Meister direkt in die Landesliga aufstieg. Wieder war fast eine Generation vergangen, die das Gefühl überhaupt noch kannte, in einer Liga mit Mannschaften wie Rutesheim oder Eltingen zu spielen. Die Klasse konnte sogar gehalten werden, allerdings profitierte man zum einen vom Rückzug von Verbandsligaabsteiger Großaspach II, zum anderen überstand man diesmal erfolgreich die Abstiegsrelegation gegen den TSV Schwaikheim.




Auch der Pokalgegner und Ligakonkurrent TSV Crailsheim ging in die Relegation, doch zu einem Verbandsligaaufstieg gegen Olympia Laupheim reichte es nicht.

Bahntechnisch ist Kornwestheim von Gmünd aus gut zu erreichen, wenn die chronischen Verspätungen der Deutschen Bahn nicht dafür sorgen würden, beim Umsteigen in Stuttgart durch umrennen unschuldiger Reisender die Verzögerungen wieder wettmachen zu müssen.

Andere Städte mögen den Weg ins Stadion ausschildern. In Kornwestheim gibt es einen Radweg zum Stadion an der Jägerstraße, und die knapp 15 Minuten Fußmarsch vom Bahnhof bis zur Spielstätte des SVK können dann auch keineswegs fehlgehen. Lediglich am Stadion selber hatte ich kurze Orientierungsschwierigkeiten, da ich aus reiner Gewohnheit das Kassenhaus suchte.


Fairerweise muß ich sagen, dass ich der erste Zuschauer war, und selbst die Gäste aus Crailsheim trafen zeitgleich mit mir ein. Ich hatte noch locker eine Stunde zeit, mir die Eindrücke um das Spielfeld mit der Hanspeter-Sturm-Stadionhalle in Ruhe einwirken zu lassen. der 2011 verstorbene Dr. Hanspeter Sturm war ab 1955 Leiter der Leichtathlikabteilung bei Salamander, aber „Sturm“ passte auch zu den Wetterbedingungen. Denn obwohl die Sonnenstrahlen Haut und Herz erwärmten, hätte mein bei den Windverhältnissen vielleicht lieber eine Drachenflugmeisterschaft denn ein Pokalspiel austragen sollen. Im kleinen Stadionkiosk war folglich der windgeschüzzteste Platz während dem Spiel – allerdings ohne Sicht auf das Spielfeld, das von einem kleinen Wall umgeben war.



Kornwestheim spielt in einem typischen Leichtathletikstadion, was nicht weiter verwundert. Spielt die Leichtathlet-Abteilung der Salamander auch heute noch eine große Rolle im Verein. Trotz der Tartanbahn gibt es von fast jeder Position eine gute Sicht aufs Spielfeld, was auch dadurch begünstigt wird, das es freie Platzwahl im gesamten Stadion gibt. Lediglich hinter den Toren können Leichtahtletik-Aufbauten das Blickfeld behindern.

Eine andere Behinderung besorgte der Wind. Von den benachbarten Tennisfeldern, wo tatsächlich bei diesen Luftbewegungen Menschen spielten, wehte eine rotbraune Sandwolke nach der anderen zu den Fußballern herüber – eine Mischung zwischen 100%-ökölogisch-korrekter Pyrowolke und glühend-heißen Saharasturm. Richtig gefeit war man nirgends vor den Tennisausdünstungen, und ich sorgte mich um meine Kamera, die langsam von Feinstaub bepudert war.

Am Fuße der Tribüne fand ich dann aber sogar ein kleines windstilles Eck, wo ich mich zunächst mal niederließ. Dort begrüßte mich dann auch Thomas von der Kornwestheimer Fanszene. Als Begrüßungsgeschenk überreichte er mir ein paar Aufkleber der Division Kornwestheim, von denen ich einen Satz schon an den „Alde-Seggl“-Kamerad Mario weitergab, ein anderer Satz wird wohl eine Heimat im Normannia-Stadion finden. "LAUT BESOFFEN WILD UND FREI - ARROGANT UND SPASS DABEI" - Keine Frage: die Jungs verstehen was von Fanaufklebern. Zugleich mußte sich aber auch entschuldigen: just an diesem Tage war nur eine Rumpfgemeinschaft im Stadion, während ein Gros der Ultras anderweitigen Verpflichtungen nachkommen mußte.

Das Spiel selber begann äußerst Timo-Konietzka-Verdächtig. Ich hatte noch nicht mal richtig aufs Spielfeld geschaut, da führte die Salamander bereits mit 1:0. Timo Nürnberger erzielte ein Blitztor, von dem ich nicht mehr erzählen kann, das es eben fiel, und schon stand Crailsheim wieder am Anspielpunkt.

Kaum angepfiffen, schon wird gejubelt.

Kornwestheim verteidigte die Führung auch bis zum Halbzeitpfiff, auch wenn man gestehen muß, dass Crailsheim mehr vom Spiel hatte. Dennoch fiel die Partie unter die Kategorie „Sommerkick“. Für beide Teams war es der Saisonauftakt, einige Spieler gewiss noch im Urlaub, und der Pokal hat zumindest in den ersten vier Runden meistens den Ruf eines Vorbereitungsspiels unter Wettkampfbedingungen. Szenen, um mit der Zunge zu schnalzen waren gewiss nicht zu sehen, aber als Zuschauer war man eh damit beschäftigt, nicht aus dem Stadion geweht zu werden. Der Zuschauerzuspruch hingegen war recht mau, offiziell sprach man von 150 Gästen – irgendwie ist man aber auch noch nicht so richtig in Saisonstimmung. Unter den Gästen befand sich jedoch auch Anna Meßthaler vom WFV, der ich pflichtgemäß von unserer Gmünder „Losfee“ Bredi Grüße ausrichtete, die auch unverzüglich erwidert wurden.











Im Kiosk war es wohl gemütlicher. Den besseren Blick
aufs Spielfeld hatten aber eindeutig die Herren auf der "VIP"-Loge.

Abkassiert wird nicht zum Schluß, sondern mittendrin.
Noch in der ersten Halbzeit wurde zur Kasse gebeten, wobei hier noch der Rundgang von Zuschauer zu Zuschauer gemacht wird. Mein Geld wollte man erst gar nicht haben: durch meine Kamera werde ich gerne mal mit offizieller Presse verwechselt, aber so schwäbisch kann ich gar nicht sein, wenn mein Geiz mich dazu bringen würde, einen Amateurfußball-Club um 5 Euro zu betrügen.



Schwierigkeiten macht in Kornwestheim der Kiosk. „Ich hätte gerne ein Bier“ - „Ja, was für eins? Wir haben mehrere!“ In der Tat bietet der SVK eine Auswahl von fünf Bieren unterschiedlicher Brauereien, wobei „Wulle“ nicht zu meinen Geschmacksrichtungen gehört, aber wenigstens schon in den 60er Jahren im Salamander-Vereinsheim ausgeschenkt wurde.



Der Wind frischte merklich auf, dunkle Wolken zogen über die Jägerstraße. Ahnten diese schon, was kommen würde? Denn Crailsheim erzielte kurz nach Seitenwechsel den Ausgleich, und legte jetzt erst recht ein zusätzliches Brikett in den Ofen. Generell war das Tor nicht unverdient, brachte mich aber wieder in Verlegenheit, da ich ja grundsätzlich der Heimmannschaft die Daumen drücke.

Drohende Wolken am Horizont.
Noch herrst Zuversicht nach der Pause.











Die Crailsheimer bejubeln den Ausgleich.

Noch einmal keimte kurz ein zartes Pflänzchen Pokalsensation auf, als in der 74. Minute Timo Plitzner den Ball ins Crailsheimer Tor befördert. Der Schiedsrichter jedoch erkannte auf Abseits, und so erfüllte sich in der 85. Minute das Schicksal des SV Kornwestheim, als Crailsheim den Schlußpunkt unter die Pokalpartie setzte, und nach dem 1:2-Auswärtssieg in Runde 2 zum Hohenlohe-Derby den Verbandsligisten Sportfreunde Schwäbisch Hall empfängt.



Für die Verbandsliga haben auch die Crailsheimer die Ambition, und letzte Saison mußten sie nur knapp die Segel streichen. Im zweiten Anlauf soll es diesmal gelingen, und der Erfolg im Pokalauftakt läßt sie sicher hoffen. Ob die Verbandsliga auch ein Thema für Salamander Kornwestheim wäre? Derweil muß man sich wohl glücklich schätzen, die Landesliga zu stemmen und sportlich zu halten, wofür der Club meine volle Sympathie genießt. Auch eine Verbandsliga ist ohne Geld nicht zu machen, und vom zurückblicken in längst vergilbte ruhmreiche Zeiten kann man sportlich auch nicht überleben. Eine coole Sache wäre es dennoch, und träumen wird man als Amateurfußballfan ja dürfen.



In Kornwestheim, so mein Eindruck zumindest, steht man mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, der zwar nicht immer schön ist, aber auch nicht immer das schlechteste bietet. Wichtig ist jetzt erstmal der rechtzeitige Klassenerhalt, möglichst ohne Hangen und Bangen und fern einer Relegation. Eine erfolgreiche Landesligasaison könnte mit dem 1. Spieltag am 22. August beginnen, wenn man im Crailsheimer Schönebürgstadion zur Pokalrevanche antritt.

Zu guter letzt gab es dann noch eine besondere Beute für mich: ein SVK-Fußballbecher, den man mir in Treuen Händen übergab. SV Salamander Kornwestheim! Den hat noch nicht mal der Grüne!

Ausbeute einer coolen Fußballfahrt.

Zurück nach Gmünd ging es wesentlich reibungsloser mit der Bahn als zur Hinfahrt. Ich verabschiedete mich von den Jungs der "Division Kornwestheim" mit dem Versprechen, mal wieder vorbeizuschauen und mich beim nächsten mal rechtzeitig vorher anzukündigen. Dann wird denn auch hoffentlich statt dem aufgeworfenen Sand des Tennisplatzes die Pyroshow das Stadion an der Jägerstraße einnebeln.

Spielberichte:
Südwestpresse: Starke zweite Halbzeit reicht Craislheim gegen Kornwestheim weiter
Kornwestheimer Zeitung: Der Blitzstart reicht nicht zum weiterkommen