Dienstag, 27. Oktober 2026

Der alternative Spielbericht: Sportfreunde Lorch – TSV Mutlangen 6:1 (3:0)

„We few, we happy few“
Schlammschlacht am Goldwasen

Azincourt, 611 Jahre später.  
Diesmal
ohne Langbogenschützen und Ritterrüstungen, dafür mit reichlich Regen und einem Lederball, der sich nicht immer standesgemäß benahm.


Ein philosophischer Spielbericht über Schlamm, Sportsgeist und die Frage, weshalb es beim Fußball manchmal um die Wurst geht. 

Es war der 25. Oktober im Jahre des Herrn Zweitausendsechsundzwanzig. Sankt Crispinian. Ein Datum, das dem gewöhnlichen Zeitgenossen wohl wenig sagt, es sei denn, er gehört zu den Verehrern eines gewissen William Shakespeare. In dessen Königsdrama „Henry V.“ hält Heinrich V. von England vor der Schlacht von Azincourt jene berühmte Rede, die mit den Worten „We few, we happy few, we band of brothers“ in die Literaturgeschichte eingegangen ist.

Am 25. Oktober 1415 standen sich bei Azincourt in Frankreich das englische Heer und eine zahlenmäßig überlegene französische Streitmacht gegenüber. Die vorausgegangenen Regenfälle hatten das Schlachtfeld in einen Morast verwandelt. Die schwer gepanzerten französischen Ritter versanken im Schlamm, während die englischen Langbogenschützen ihren Anteil an einem Sieg hatten, der bis heute zum historischen Gedächtnis der Insel gehört.

Nun will ich einen Fußballbericht nicht unbedingt mit einer Abhandlung über mittelalterliche Kriegführung beginnen. Und doch ...

611 Jahre später, am gleichen Kalendertag, bot der Goldwasen in Lorch ein Bild, das gewisse Ähnlichkeiten mit den überlieferten Zuständen bei Azincourt aufwies. Regen, heftiger Regen. Ein aufgeweichter Rasen, dessen grüne Farbe stellenweise bereits durch ein recht unansehnliches Braun ersetzt worden war. Wer an diesem Nachmittag das Spielfeld betrat, durfte sich glücklich schätzen, statt einer schweren Ritterrüstung lediglich Fußballstiefel und Trikot zu tragen.

Die Verantwortlichen der Sportfreunde hatten in weiser Voraussicht das Vorspiel der zweiten Mannschaft abgesetzt. Schon die Austragung des Hauptspiels gegen den TSV Mutlangen durfte als eine gewisse Herausforderung an Mensch, Material und Grasnarbe gelten.

Die Gäste aus Mutlangen erschienen selbstverständlich nicht als französisches Ritterheer und hatten auch nicht die Absicht, sich kampflos ihrem Schicksal zu ergeben. Allein, die Sportfreunde waren an diesem Nachmittag die bessere Mannschaft und wussten sich mit den widrigen Umständen zunehmend besser zu arrangieren.

Zunächst allerdings entwickelte der Ball ein bemerkenswertes Eigenleben. Ein gut gemeinter Pass blieb bisweilen auf halbem Wege im nassen Rasen stecken, als habe das Spielgerät beschlossen, über Sinn und Zweck seiner weiteren Fortbewegung zunächst nachdenken zu müssen. Andere Bälle glitten mit ungeahnter Geschwindigkeit davon. Die Gesetze der Physik schienen auf dem Goldwasen einer besonderen Auslegung zu unterliegen.

Als die Heimischen sich endlich mit ihrem widerspenstigen Untergrund verständigt hatten, ging es den Mutlangern an den Kragen. Silas Frank Podilczak eröffnete mit einem Fernschuss den Torreigen, Steffen Kreeb ließ einen feinen Heber folgen, und Paolo Gottheit sorgte noch vor der Pause für klare Verhältnisse. Nach dem Seitenwechsel reihten sich Paul Waibel, Luca Röhricht und Stefan Weida unter die Torschützen ein.

Dass zwischenzeitlich auch der Mutlanger Steinke einen Treffer erzielen durfte, war einem jener Ballverluste geschuldet, die man bei ordentlichen Bodenverhältnissen wohl vermieden hätte. Die heimische Grasnarbe hatte offenbar beschlossen, auch den Gästen eine kleine Freude zu bereiten.

Am Ende stand ein 6:1 auf der Anzeigetafel. Ohne Langbogenschützen, ohne Plattenrüstungen und – was ausdrücklich festgehalten werden soll – ohne dass sich die beiden Mannschaften in mittelalterlicher Manier an die Gurgel gegangen wären.

Im Gegenteil.

Bereits in der sechsten Minute hatte sich eine kleine Begebenheit zugetragen, die mir weit mehr im Gedächtnis geblieben ist als mancher Torschuss. Der Mutlanger David Niersberger erklärte dem Schiedsrichter von sich aus, dass er den Ball zuletzt berührt habe und den Lorchern deshalb ein Eckstoß zustehe. Die Sportfreunde bedankten sich für diese Ehrlichkeit, der Unparteiische belohnte sie mit einem anerkennenden Klopfen auf die Schulter.

Das war Sportsgeist in seiner schlichtesten und vielleicht schönsten Form.

Gewiss, man wird mit einer solchen Geste weder Torschützenkönig noch Tabellenführer. Auch dürfte sich einst bei Azincourt kein Ritter dadurch besondere Verdienste erworben haben, dass er dem Gegner freiwillig einen Vorteil zugestand. Aber wir befinden uns schließlich auf einem Fußballplatz, und dort sollte bei aller Begeisterung für den Sieg gelegentlich noch Platz für Anstand sein.

Überhaupt der Schiedsrichter.

79 Lenze zählte der Mann in Gelb, davon hatte er 44 Jahre mit der Pfeife verbracht. Ein halbes Menschenleben im Dienste jener merkwürdigen Tätigkeit, bei der man zweiundzwanzig Fußballern das Einhalten von Regeln nahebringen soll, während das Publikum naturgemäß dazu neigt, dieselben Regeln nach Vereinszugehörigkeit auszulegen.

Unser Unparteiischer gehörte offenbar noch jener Schule an, die ihre Autorität nicht in erster Linie aus der Brusttasche bezieht. Ein mahnendes Wort hier, eine deutliche Ansprache dort, und die Sache war zumeist erledigt. Erst als eine Aktion den Rahmen des verbal Schlichtbaren überschritt, kam auch der gelbe Karton zum Einsatz.

Bemerkenswert fand ich zudem, wie gut der Mann noch auf den Beinen war. Wer glaubte, ein beinahe Achtzigjähriger müsse dem Spielgeschehen zwangsläufig hinterherlaufen, sah sich eines Besseren belehrt. Unser Schiedsrichter war häufiger auf Ballhöhe als mancher jüngere Vertreter seiner Zunft.

Auch die Spieler begegneten ihm mit dem gebührenden Respekt. Niemand schien auf die Idee zu kommen, seine zurückhaltende Kartenvergabe als Einladung zu verstehen, die Grenzen des Erlaubten auszutesten.

Nach dem Schlusspfiff blieb er noch auf ein Getränk im Vereinsheim. Auch das ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Ein Mann der alten Schule also, im besten Sinne des Wortes.

44 Jahre mit der Pfeife, 79 Jahre Lebenserfahrung. 
Der Mann in Gelb bewies, dass Autorität auf dem Fußballplatz weder eine Frage des Geburtsjahres noch des Verbrauchs an gelben Karten sein muss.


 

Ein Rückpass zur Ominösen Datenbank

Die Ominöse Datenbank hatte an diesem Nachmittag wenig Anlass, sich über einen unberechenbaren Ausgang zu beklagen. Die Sportfreunde waren als Favorit angetreten und wurden dieser Rolle mit ihrem deutlichen Sieg gerecht.

Dass die sechs Lorcher Treffer auf ebenso viele Schultern verteilt wurden, verdient allerdings Erwähnung. Nicht ein einzelner Torjäger sorgte für das Ergebnis, sondern gleich ein halbes Dutzend Sportfreunde beteiligte sich an der Herstellung erfreulicher Zahlenverhältnisse.

Steffen Kreeb hielt dabei seinerseits an einer liebgewonnenen Gewohnheit fest. Bereits im zehnten Ligaspiel hintereinander trug er sich in die Torschützenliste ein. Diesmal sah es auch der Schiedsrichter so, weshalb die statistische Nachwelt nicht wieder zwischen verschiedenen Torschützen wählen muss. Nach den Irrungen und Wirrungen des Spraitbacher Nebels und den daraus folgenden statistischen Verwicklungen ein enormer Fortschritt.   
Auch dass unser Kapitän Manuel Nusser wieder mit an Bord war, freute mich in gleicher Weise, wie die beiden ersten Treffer von Stefan Weida und den unermüdlich rackernden Luca Röhricht.

Die Sportfreunde rückten mit dem Sieg auf den dritten Tabellenplatz vor. Für Mutlangen dagegen war es ein Nachmittag, an dem sich die Schwierigkeiten einer Mannschaft ziemlich schonungslos offenbarten.

Gästetrainer Ümit Tekir tat mir dabei beinahe leid. Wieder und wieder ermahnte er seine Spieler, den Lorchern doch nicht so großzügig Raum zur Entfaltung zu überlassen. Seine Worte fanden durchaus Gehör, allein die praktische Umsetzung wollte nicht recht gelingen.

Dabei ist die Kunst des Verteidigens eigentlich recht einfach beschrieben: Man sollte den Gegner möglichst daran hindern, ungestört dem eigenen Tor nahezukommen. Wie schwierig dieser scheinbar bescheidene Grundsatz auf einem morastigen Fußballplatz umzusetzen sein kann, wurde an diesem Sonntag mehrmals vorgeführt.

Die Ominöse Datenbank wird das Ergebnis gewissenhaft registrieren. Sechs Tore für Lorch, eines für Mutlangen. Drei Punkte für die Heimischen, keine für die Gäste.

Was sie nicht festhalten wird, ist das eigenwillige Verhalten des Balles, das aufspritzende Wasser bei einem Fernschuss oder die anerkennende Hand des Schiedsrichters auf Niersbergers Schulter.

Und damit kommen wir wieder zu einer alten Erkenntnis: Die Statistik weiß viel über den Fußball. Aber längst nicht alles, was ihn ausmacht.

Von Ritterheeren, Wasserwecken und Aalrauchmettwurst

Als sich der Nachmittag dem Ende zuneigte, sah der Goldwasen aus, als hätten tatsächlich einige schwer gepanzerte französische Ritter darauf ihre Pferde bewegt. Oder als habe die Bundeswehr ein größeres Manöver abgehalten und den Platz dabei irrtümlich für geeignetes Übungsgelände befunden.

Die Grasnarbe dürfte einige Zeit benötigen, um sich von diesem Besuch zu erholen.

Auch wirtschaftlich hatte der Regen seine Spuren hinterlassen. Der Zuschauerzuspruch blieb überschaubar, und nach dem Spiel liefen etliche Wasserwecken Gefahr, das Schicksal der sprichwörtlichen Brote von Vineta zu teilen.

Wir ließen uns den trockenen Wecken zum Schwabenpreis trotzdem genüsslich schmecken. Schließlich ist der Amateurfußball nicht nur eine sportliche, sondern gelegentlich auch eine kulinarische Einrichtung.

Und während draußen der Regen weiterhin den Goldwasen bearbeitete, kam im Vereinsheim eine norddeutsche Spezialität zu Ehren: eine Aalrauchmettwurst, die ich einem guten Sportfreund als kleine Anerkennung überlassen hatte und die nun großzügig unter den verbliebenen Gästen zur Verkostung gelangte.

Auch unser Trainer zeigte sich von dieser Köstlichkeit ausgesprochen angetan. Bei meiner nächsten Bestellung, ließ er wissen, wolle er sich gerne anschließen.

Ich sicherte ihm daraufhin eine ganze Wurst zu – als Aufstiegsprämie, versteht sich.

Und gab ihm noch einen Rat mit auf den Weg:

„Jetzt kannst du beim nächsten Interview endlich sagen, dass es bei deiner Karriere um die Wurst geht!“

Bei Azincourt versprach Heinrich V. seinen Gefährten unvergänglichen Ruhm. Auf dem Goldwasen blieb ich mit einer Aalrauchmettwurst als Siegesprämie entschieden zurückhaltender.

Shakespeare möge mir diese bescheidenere Auslegung seiner großen Rede verzeihen.

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Sonntag, 25.10.2026
Kreisliga A, 13. Spieltag 

Sportfreunde Lorch – TSV Mutlangen 6:1 (3:0)
 

Sportfreunde Lorch: Patrick Stähle, Manuel Nusser, Robin Bopp, Luca Röhricht, Adrian Schwarz (79. Luca Hudelmaier), Paolo Gottheit (60. Stefan Weida), Niklas Bopp (68. Marcel Lorenz), Paul Waibel (79. Dominik Stähle), Liam Eisele (68. Tom Heinrich), Silas Frank Podilczak, Steffen Kreeb - Trainer: Kevin Daboci - Co-Trainer: Heiko Heer

TSV Mutlangen: Finn Kürbel, Stefan Wagenblast, Fabian Nagel, Cihan Sönmez (76. Sean Herkommer), Finn Eisenmann, David Schwarz, Dominico Comite (46. Angelo Evangelista), David Niersberger (61. Robin Joos), Egzon Zejnulahi, Sebastian Steinke, Sinan Keskin - Trainer: Ümit Tekir

Schiedsrichter: Klaus-Dieter Gaarz (Schlierbach) - Zuschauer: 100

Tore: 1:0 Silas Frank Podilczak (25.), 2:0 Steffen Kreeb (31.), 3:0 Paolo Gottheit (37.), 4:0 Paul Waibel (49.), 4:1 Sebastian Steinke (58.), 5:1 Luca Röhricht (72.), 6:1 Stefan Weida (78.)

 

Der Link zum Spielbericht: Viel Matsch und noch mehr Tore – Sportfreunde siegen 6:1 

 

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