Montag, 19. Oktober 2026

Normannia Gmünd – TSV Essingen 1:3 (1:0). Von alten Leiden, neuen Hoffnungen und einem Salbeibonbon.

 

Kein goldener Oktober im Schwerzer

 


Ansichten und Erkenntnisse eines Stadionsprechers – Vom goldenen Oktober, der keiner war

Von einem „Goldenen Oktober“ ist die Schwerzerelf weit entfernt. Das lag nicht nur am Regenwetter, welches am Samstag über dem Land herrschte. Deutlich zeigt die Tabelle den Zustand der Gmünder Normannia an, die mit lediglich drei Punkten einsam als Schlussleuchte in der Oberligatabelle fungiert und eine historische Negativserie durchlebt.

Wohl feierte man vor vierzehn Tagen seinen Heimsieg über Singen, was mich nach Spieltagen der Niederlagen und der Beglückwünschung siegreicher Gästetrainer zu einer willkommenen Improvisation nötigte, Spielleiter und Interimstrainer Stephan Fichter zum Heimsieg gratulieren zu dürfen.

Aber ach, erneut erwies es sich, dass Gmünd nicht über Kontinuität verfügte. Eine Woche später ertönte bereits wieder das alte, wohlbekannte Klagelied der Normannia: „Miserella, ah più no, no, tanto gel soffrir non può“. In Reutlingen zur Pause 1:0 geführt, couragiert aufgetreten. 1:3 verloren. „So spielt kein Schlusslicht“, hörten wir anerkennend vom Reutlinger Publikum. Aber im Fußball zählen Tore und Punkte, keine lobenden Worte. Der Abstand zum rettenden Ufer hatte sich wieder vergrößert.

Nun stand zum einunddreißigsten Male seit Oktober 1945 das Punktspiel gegen den Nachbarn TSV Essingen an. Auch in der Kreisgemeinde war man zuversichtlicher in die Saison gestartet, nur um sich zwischenzeitlich ebenfalls auf den unteren Stufen der Tabellenleiter abmühen zu müssen.

Gewiss: Essingen hatte sich wieder gefangen, ganz wie ein Ertrinkender, dem in rauer See ein Ring zugeworfen wird. Noch spürte man keinen festen Grund unter den Füßen, aber Rettungsring Simon Gruber hatte mit seinen Toren wohlweislich dazu beigetragen, dass das Essinger Schiff in bessere Fahrwasser zu gleiten schien.

Nun also der prestigeträchtige Besuch im Schwerzer.

Der Himmel öffnete seine Schleusen, und es ist höchst denkbar, dass dies den Normannen auch noch Zuschauereinnahmen kostete. „450“ meinte der Schiedsrichter in seinem Bericht hinterlegen zu müssen, „knapp 500“ sprach die Presse. 355 Zahlende gab ich als Stadionsprecher durch. Gewiss, es war noch das große unbezahlbare Heer der Ehrenamtlichen im WWG-Sportpark. Aber ob 355 oder knapp 500 Menschen am Spielfeldrand – es war ein zusätzlicher Nadelstich im Herzen der Normannia, hätte die Begegnung bei besserem Wetter und erfreulicherer sportlicher Ausgangslage doch eine erheblich stattlichere Kulisse verdient.

Selbst der zusätzlich eröffnete Imbissstand auf der Gegenseite konnte so bestenfalls als kleine Geste in Richtung der Gästefans gesehen werden. Wirtschaftlich dürfte er kaum von Bedeutung gewesen sein.

Ehrengäste waren zugegen, vom Verein eingeladen: Alois Schindler und Stefan Perl, Veteranen ruhmreicher Normanniazeiten der Sechzigerjahre. Personifizierte Vereinsgeschichte gewissermaßen. Doch auch die Anwesenheit dieser alten Recken vermochte keinen jener sagenumwobenen Schwerzergeister zu beschwören, die den Heimischen einen glücklicheren Spielausgang hätten bescheren können.

Vor dem Spiel stellte ich mich Gästetrainer Simon Köpf vor und bat ihn, seinen Jungs doch nahezulegen, mir nicht allzu viele TSV-Tore durch den Lautsprecher verkünden zu lassen.

Aus seiner später durchaus kritischen Sicht haben sich die Essinger wohl daran gehalten. Mir waren es dennoch drei Torschützen zu viel.

Dabei ließ sich die Begegnung zunächst recht erfreulich an. Die Essinger hatten zwar mehr vom Spielgerät, wussten damit aber wenig anzufangen. Die Normannen hielten entschlossen dagegen, und als Georg Wilhelm nach einem umstrittenen Foulelfmeter in der 38. Minute die Führung besorgte, durfte man im Schwerzer wieder einmal von besseren Zeiten träumen.

Auch nach dem Seitenwechsel gab es zunächst keinen Anlass, die Hoffnungen zu begraben. Doch dann genügte den Gästen ein Eckball, den David Braig zum Ausgleich einköpfte. Elf Minuten später fand ein Freistoß den Kopf des eingewechselten Lennart Ruther, der die Partie zugunsten der Essinger wendete. Über die Berechtigung dieses Treffers waren die Beteiligten ebenso uneins wie zuvor über den Gmünder Strafstoß. Die Unparteiische hatte entschieden, und beiden Parteien blieb es überlassen, mit ihrem jeweiligen Ärger fertigzuwerden.

Noch einmal bot sich Milojkovic die Gelegenheit, den Ausgleich herzustellen, doch sein Abschluss verfehlte das Ziel. Wenig später sorgte Simon Gruber mit dem dritten Essinger Treffer für die Entscheidung.

Zwei Standardsituationen und ein Konter hatten genügt, um die Hoffnungen der Heimischen abermals zu begraben.

Der niedergehende Regen verwandelte den Platz in ein unsicheres Geläuf für die bestollten Sohlen der Balltreter, aber er füllte wenigstens die nach der Sommerdürre um Wasser lechzenden Pegelstände unserer heimatlichen Gewässer. Den Punktestand der Normannia indes füllte er nicht.

So führte die Schwerzerelf wie schon eine Woche zuvor in Reutlingen zur Pause mit 1:0, um anschließend drei Gegentore hinnehmen zu müssen. Wer darin eine gewisse Beständigkeit erkennen möchte, dem sei zugestanden, dass sich die Normannen den Samstag vermutlich auch anders vorgestellt hatten.

„Ein unangenehmes Déjà-vu zum vergangenen Sonntag“, resümierte ich als Moderator der anschließenden Pressekonferenz gegenüber unserem Interimstrainer Stephan Fichter.

Der konnte mir kaum widersprechen. Eine Stunde lang mindestens auf Augenhöhe agiert, zur Pause geführt und am Ende doch wieder mit leeren Händen dagestanden. Der Essinger Torhüter Jerome Weisheit musste nach dem Seitenwechsel nicht einmal sein Können mit einer nennenswerten Parade unter Beweis stellen. Drei Gegentore dagegen hatte sein Gmünder Gegenüber Yannick Ellermann hinnehmen müssen.

Fichter brachte das Elend auf eine einfache Formel: Wer Woche für Woche drei Gegentreffer kassiere, werde in der Oberliga nur schwerlich Spiele gewinnen können.

Auch Simon Köpf war mit dem Auftritt seiner Essinger keineswegs uneingeschränkt zufrieden. Aber er hatte das, was seinem Kollegen fehlte: drei Punkte. Und er erinnerte daran, dass Derbys schließlich nicht nur dazu da seien, gespielt, sondern gewonnen zu werden.

Dagegen ließ sich wenig einwenden.

So blieb den Essingern die Freude über einen wichtigen Auswärtssieg und der Normannia die ernüchternde Erkenntnis, dass ordentliche Leistungen allein noch keinen Tabellenplatz verbessern. Den Veteranen der Sechzigerjahre hätte ich gerne einen erfreulicheren Nachmittag gewünscht. Dem Publikum ebenso. Und dem Verein erst recht.

Mir selbst blieb als einziger Lichtblick das Salbeibonbon, das mir Frau Krischke in der Sprecherkabine in weiser Voraussicht überlassen hatte.

1:3 endete das 31. Punktspielderby. Eins zu drei wie einunddreißig. Ironischerweise passend.


Oberliga Baden-Württemberg

1. FC Normannia Gmünd – TSV Essingen 1:3 (1:0)

Tore: 1:0 Georg Wilhelm (38., Foulelfmeter), 1:1 David Braig (60.), 1:2 Lennart Ruther (71.), 1:3 Simon Gruber (83.).

Schiedsrichterin: Kerstin Holzmayer.

Zuschauer: 355.

 

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