Vom Nebel, sterbenden Schwänen und der Unbestechlichkeit einer ominösen Datenbank
Als sich der Nebel über Spraitbach längst nicht mehr lichten wollte, erhellten sich wenigstens die Lorcher Gemüter. |
Eine Auswärtswanderung stand an. Zum Tabellenzweiten nach Spraitbach sollte es gehen, mitten im tiefsten Herbst. Kalt, windig, mit gespenstigem Nebel und Wanderwegen, die eher an die verschlammten Schlachtfelder von Verdun als an einen gemütlichen Sonntagsspaziergang erinnerten. Edgar Allan Poe hätte seine Freude daran gehabt, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Krähenvögel.
Rund 16 Kilometer waren veranschlagt. Das gelegentliche Verlaufen im Wald mit eingerechnet, sollte die Strecke von der Haustüre bis zur Spraitbacher Schillerstraße in dreieinhalb Stunden zu bewältigen sein.
Irgendwo vor Alfdorf, nahe der Abzweigung zum Struthof, lag am Ackerrand ein totes Reh. Es wirkte im wahrsten Sinne des Wortes angefressen. Ein Orakel? Vielleicht. Spraitbach gegen Lorch ist schließlich eine Begegnung, die im Fußballjargon gerne als „hitzig“ umschrieben wird. „Angefressen“ dürfte dabei gelegentlich auch den Gemütszustand einiger Beteiligter recht treffend beschreiben. Angeknabbert wie das arme Reh wurde bislang aber noch niemand.
Trotz teilweise erfolgreicher Versuche meines inneren Kompasses, mich auf völlig abstruse Waldwege zu führen, gelangte ich planmäßig an die Nahtstelle zur Frickenhofer Höhe. Schon von weitem, im finsteren Wald und nach Überqueren der Lein, trug der Wind die vertrauten Geräusche eines Fußballspiels an mein Ohr. Spieler, Schiedsrichter und Zuschauer des Vorspiels kündigten mir auf ihre Weise an, dass die Zivilisation nicht mehr fern sein konnte.
Ich kam mehr als zeitig an. Es reichte noch für einen Abstecher in das ehrenamtlich geführte Vereinsheim des Gastgebers, wo ich in behaglicher Wärme die Mannschaftsaufstellungen eintragen konnte.
Mit Luca Hudelmaier und Jörn Pfeifle waren zwei Spieler der zweiten Mannschaft in den Kader der Sportfreunde befördert worden, auch wenn beide später nicht zum Einsatz kamen. Trainer Kevin Daboci trug wieder das Trikot mit der Nummer 91 und stand sogar in der Anfangsformation, diesmal allerdings in der ungewohnten Rolle des Verteidigers.
Spraitbach im Nebel.
Wie soll man diesen Fußballnachmittag beschreiben? Zunächst einmal: kalt. Und noch nebeliger als unten im Remstal. Die katholische St.-Blasius-Kirche war von Nebelschwaden umzogen. Ob der heilige Blasius für den kalten Wind verantwortlich zeichnete, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls nahm die sichtbare Luftfeuchtigkeit im Laufe des Nachmittags weiter zu.
| Spraitbach im Nebel. Immerhin eine Erklärung dafür, weshalb gelegentlich weder Mitspieler noch Schiedsrichter noch das gegnerische Tor dort vermutet wurden, wo sie tatsächlich standen. |
Fußballplätze sind bekanntlich natürliche Vogelschutzgebiete. Kiebitze am Spielfeldrand, Schwalben und sterbende Schwäne sind hier noch lange nicht vom Aussterben bedroht.
Ich will darüber gar nicht ins Gericht fallen. Es gehört schließlich zu den liebenswerten Eigenheiten des Fußballpublikums, dass dieselbe Handlung höchst unterschiedliche Bewertungen erfährt, je nachdem, welche Trikotfarbe der Handelnde trägt.
Fällt der eigene Spieler, ist er ein ausgebuffter Knabe, ein echtes Schlitzohr, ein cleverer Fußballer. Benimmt sich der Gegenspieler auf gleiche Weise, so haben wir es plötzlich mit einem unsportlichen Gesellen, einem Schauspieler oder gar einem Fall für die Sportgerichtsbarkeit zu tun.
Dennoch muss ich gestehen, dass mir eine Spraitbacher Darbietung aus dem reichhaltigen Repertoire des sterbenden Schwans etwas zu ausdrucksvoll erschien. Möchte ich einen solchen sehen, betrachte ich lieber Bridget Breiner oder Miriam Kacerova beim Stuttgarter Ballett. Dort erwartet man eine Sterbeszene, weiß, dass sie gespielt ist, und darf obendrein auf eine gewisse Grazie vertrauen.
Dass es auf dem Fußballplatz auch echte Schmerzen gibt, bewies kurz darauf Kevin Daboci. Sein Schrei nach einer unglücklichen Aktion ging durch Mark und Bein. Die Schulter war ausgekugelt, und zu allem Überfluss musste der Lorcher Spielertrainer sie sich auch noch selbst wieder einrenken. Für ihn war die Partie selbstverständlich beendet.
Wer hier Schauspielerei vermuten wollte, müsste schon eine recht abenteuerliche Vorstellung von der Einsatzbereitschaft eines Amateurfußballers besitzen.
Aber nun zum Spiel, das sich bei aller philosophischen Betrachtung nicht gänzlich verschweigen lässt.
Spraitbach erwies sich zunächst als die bessere Mannschaft. Die Gastgeber nutzten einen Lorcher Ballverlust zur Führung durch Alin Fuchs. Wie höflich unsere Hintermannschaft dabei das Spielgerät überließ, hätte beinahe einem gesellschaftlichen Empfang Ehre gemacht: „Oh, Verzeihung. Möchten Sie den Ball haben? Aber bitte doch! Gern geschehen.“
Nur zwei Minuten später zog Lukas Rein aus der Distanz ab und ließ Patrick Stähle keine Abwehrmöglichkeit. Ein bemerkenswerter Treffer des etatmäßigen Verteidigers, der damit erstmals in dieser Saison als Torschütze in Erscheinung trat. Ehre, wem Ehre gebührt, auch wenn er das falsche Trikot trägt.
Früh stand es 0:2. Doch die Sportfreunde waren nicht nach Spraitbach gekommen, um sich ohne Gegenleistung ihrer Punkte entledigen zu lassen. Noch vor dem Seitenwechsel gelang der Anschlusstreffer, und nach der Pause entwickelte sich zunehmend ein Spiel der Lorcher Gäste.
Freilich hätte Spraitbach in der 83. Minute den Deckel schließen können. Vincent Brenner startete rechts ein sehenswertes Solo, umkurvte unseren nicht gerade klein gewachsenen Torhüter und stand plötzlich vor dem verwaisten Gehäuse. „Katze“ Stähle hatte sich lang und länger gemacht, doch Brenner schien inzwischen auf Düsenantrieb umgeschaltet zu haben.
Dann aber fand er im leeren Tor seinen Endgegner.
Der Ball ging vorbei. Ein Bild des Jammers. Selbst im Lorcher Anhang überwog die Erleichterung gegenüber jeder Versuchung zur Schadenfreude. Vermutlich hatte Brenner im Nebel die Entfernung falsch eingeschätzt und bei der Berechnung seiner Flugbahn einen ungünstigen Winkel erwischt.
Und weil der Fußball gelegentlich eine sonderbare Vorstellung von Dramaturgie besitzt, gelang Yannik Bopp kurz vor Schluss der vermeintliche Ausgleich. Doch der Schiedsrichter hatte ein vorausgegangenes Lorcher Handspiel erkannt und verweigerte dem Treffer die Anerkennung.
Diesmal befanden sich die Augen des Unparteiischen jedenfalls an der richtigen Stelle.
Der Ausgleich ließ sich davon nicht dauerhaft aufhalten. In der ersten Minute der Nachspielzeit besorgte Adrian Schwarz das 2:2, und die Sportfreunde hatten sich für eine deutliche Leistungssteigerung nach der Pause doch noch belohnt.
Es blieb bei einem gerechten Unentschieden. Spraitbach gehörte die erste Halbzeit, Lorch die zweite. Die Gastgeber mussten zunächst ihren zweiten Tabellenplatz an den TSV Böbingen abtreten. Der Lorcher Anhang durfte dagegen zufrieden sein, dass man nach einem frühen Zweitorerückstand wenigstens einen Punkt mit ins Remstal nahm.
Ein Rückpass zur Ominösen Datenbank
Vor dem Spiel hatte ich viel über ominöse Datenbanken philosophiert. Spraitbach war zu Hause noch ungeschlagen, Lorch auswärts ohne Fehl und Tadel. Die Statistik geriet folglich in einen gewissen Gewissenskonflikt, den beide Mannschaften mit einem 2:2 auf ausgesprochen diplomatische Weise lösten.
Auch meine Betrachtung der Spraitbacher Torschützen erwies sich nicht als gänzlich verfehlt. Hägele und Bechthold mochten die auffälligeren Namen sein, doch die Gastgeber hatten ihre Tore bislang auf mehrere Schultern verteilt. Dass nun ausgerechnet Verteidiger Lukas Rein seinen ersten Saisontreffer erzielte, war gewissermaßen eine Bestätigung aus unerwarteter Richtung.
Eine besondere Geschichte lieferte auch Steffen Kreeb. Nach meiner Beobachtung ging der Lorcher Anschlusstreffer auf sein Konto, womit seine bemerkenswerte Torserie auf neun Punktspiele in Folge angewachsen wäre. Der Schiedsrichter notierte allerdings Paolo Gottheit als Torschützen.
Ein altbekannter Sportfreund und Bruddler wusste die Angelegenheit auf seine Weise zu kommentieren: „Gott sei Dank sah er Paolo als Torschützen, denn der Steffen stand ganz klar im Abseits!“
Ob sich die Szene tatsächlich so verhielt, mag dahingestellt bleiben. Ein wenig verhält es sich ja wie mit den Schwalben: die der eigenen Mannschaft sind nicht so schlimm wie die des Gegners. Ein Schiedsrichter besitzt schließlich auch nur zwei Augen, und selbst die sind nicht überall. Zudem wurde von beiden Seiten so oft „Abseits!“ reklamiert, dass der gute Mann womöglich schon betriebsblind geworden war. Oder Steffen Kreeb nutzte den wabernden Nebel zur Kaschierung seiner Abseitsstellung. Die Wahrheit wird wohl auf ewig irgendwo zwischen Strafraumlinie und Nebelbank verborgen bleibenDamit wären wir bei einer Erkenntnis, die mir auf dem Heimweg durch den Nebel durchaus bedenkenswert erschien.
Eine Statistik kann vieles erklären, manches erwarten lassen und einiges im Nachhinein bestätigen. Nur Fußball spielen kann sie nicht.
Sie weiß nichts von ausgekugelten Schultern, von einem Ballverlust aus übertriebener Gastfreundschaft oder von einem Stürmer, der nach einem wunderbaren Solo das leere Tor nicht findet. Sie kennt weder die Beschaffenheit des Rasens noch die Launen des Nebels. Und schon gar nicht kennt sie die kleinen Bosheiten des Fußballs, der sich gelegentlich die größte Mühe gibt, den vernünftigsten Erwartungen zu widersprechen.
Vielleicht ist das auch gut so.
Denn wäre der Fußball vollständig berechenbar, könnte man seine Ergebnisse zu Hause am Schreibtisch ausrechnen. Man müsste nicht sechzehn Kilometer durch den herbstlichen Wald wandern, um sich neunzig Minuten lang in Kälte und Nebel an einen Sportplatz zu stellen.
Und das wäre doch ein beträchtlicher Verlust.
Zumal die Revanche nicht lange auf sich warten lassen wird. Beim Wiedersehen im Goldwasen dürfen sich die Spraitbacher durchaus Hoffnungen machen: Nach meinen Aufzeichnungen haben sie ausgerechnet dort gegen Lorch eine bessere Bilanz als auf eigenem Geläuf.
Die Ominöse Datenbank hat also bereits wieder etwas zu erzählen.
Ob ihr jemand zuhört, werden wir sehen.
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Sonntag, 18.10.2026
Kreisliga A, 12. Spieltag
FC Spraitbach – Sportfreunde Lorch 2:2 (2:1)
FC Spraitbach: Dominic Cavatoni, Julian Brech, Jona Maletic, Lukas Rein (72. Timo Seibold), Vit Benic, Jannic Maletic, Noah Hägele, Vinzent Brenner, Alin Fuchs, Robin Antz (63. Alexander Bechthold), Bugra-Yakup Kaya (63. Lukas Baur) - Spielertrainer: Alexander Bechthold
Sportfreunde Lorch: Patrick Stähle, Robin Bopp, Luca Röhricht, Adrian Schwarz, Paolo Gottheit (68. Yannik Bopp), Niklas Bopp (78. Stefan Weida), Paul Waibel, Liam Eisele, Silas Frank Podilczak, Steffen Kreeb, Kevin Daboci (71. Marcel Lorenz) - Trainer: Kevin Daboci
Schiedsrichter: Christian Haas - Zuschauer: 200
Tore: 1:0 Alin Fuchs (16.), 2:0 Lukas Rein (18.), 2:1 Steffen Kreeb (45.+2), 2:2 Adrian Schwarz (90.+1)
Der Link zum Spielbericht: Goldwasenelf bleibt auswärts ungeschlagen







