Sonntag, 19. April 2015

Ein Fall für Wallmann - 1. FC Normannia Gmünd gegen Neckarsulmer Sport-Union

Wenigstens er hat gut lachen: Neckarulms Nr. 1 Leander Wallmann
"Schmeiß de Schal weg, die verlieret doch eh" - "Wieso verlieren? Die haben letzte Woche in Hall gewonnen!" - "A wa! Unentschieda hän se gspielt. Des hab i in der Zeitung g'lesa!" - "und ich war in Hall dabei und wir haben 2:0 gewonnen" - "Älleweil. Aber die 8 Euro sind mir dr Verein net wert. So guat sind die net" - "Acht Euro? Ach so, ein Tribünenbruddler"

Dieser Dialog entspringt nicht der Fantasie, sondern fand tatsächlich statt, als sich meine Tochter und ich auf den Weg in den Schwerzer machte und wir unterwegs einen älteren Herrn trafen, der sich über meinen Normanniaschal mokierte. Sinnigerweise waren "Vereinsschal", "Farbe für Normannia bekennen" und die damit verbundenen Probleme in Gmünd Thema in der aktuellen Ausgabe des Stadionheftes, die ein gewisser Jablonski zu Papier brachte und auch den St.Pauli-Edelfan und Normannia-Sympathisant Marco Köster in Erinnerung brachte.

Wie hätte ich ahnen können, das mich die Realität mit dem Bruddler wieder so schnell einholt?

Für meine kleine Tochter war der Ausflug ins Normannia-Stadion ein großes Abenteuer, für das sie sich extra in Kickers-Schale geworfen hat. Allerdings bastelte sie noch eigens eine Normannia-Tröte, denn ohne ist man im Stadion irgendwie nackt.

Ob es was nutzt? Immerhin kam mit der Neckarsulmer Sport-Union nicht nur der punktgleiche Tabellennachbar, sondern auch ein Team, gegen das man seit der Fusion der SpVgg Neckarsulm mit den Sportfreunden Neckarsulm 2009 noch nicht gewonnen hat.

Glotze aus, Stadion an!
Nicht nur meine Tochter gab sich die Ehre, auch mein Bruder ließ sich zum Besuch des Normannia-Stadions überreden, womit ich wenigstens zwei weitere Besucher generierte (der dritte mußte kurzfristig absagen). Auch wenn Normannia wieder Zuschauerkrösus der Samstagsspiele war, waren in meinen Augen die 295 Zuschauer im Schwerzer enttäuschend. Wenn man berücksichtigt, was für eine Leistung und Spielfreude die Mannschaft an den Tag legt, dann muß man in Richtung Gmünd schon mal vorwurfsvoll fragen, was Normannia denn noch alles tun muß, um Zuschauer ins Stadion zu locken? Aus Neckarsulm fuhren mit dem Bus sage und schreibe 0 (in Worten: Null) Fans mit. Der Amateurfußball hat ein gewaltiges Problem.











Für die neue digitale Anzeigetafel, die noch beim letzten Heimspiel gegen Göppingen ein Schattendasein führte, kam es zum ersten "richtigen" Einsatz, da das Spiel endlich wieder auf dem Rasen stattfand.

Noch steht die Abwehr sicher. Magnus Burkhardt und
Musa Ayaz lassen Kapitän Martin Hess verzweifeln.

Die übrigen 58.269 Gmünder, die den Besuch im Schwerzer versäumten, verpassten durchaus ein munteres Spiel, dessen Ausgang bedauerlicherweise nicht im Sinne der "Boys in red" war.

Macht zwar dicke Backen...

...kommt aber doch nicht vorbei: Philipp Seybold (NSU)

So richtig gefährliche Torszenen waren in der ersten Halbzeit zwar nicht zu verzeichnen, dennoch war das Spiel in den ersten 45 Minuten alles andere als eintönig. Ich würde sogar sagen, das Normannia zu diesem Zeitpunkt dominanter und die Mannschaft bestrebt war, an den guten Leistungen der Vorwochen anzuknüpfen und auch heute wieder die entsprechenden Punkte zu generieren.

Derweil feierten der "12. Mann" und wir "Alde Seggl" uns gegenseitig durch entsprechende Zurufe. Beim Pausenpfiff war wir alle guten Mutes, in diesem Spiel einen Normannenerfolg zu sehen.

Es war Marvin Gnaase, der über die Neckarsulmer kam wie es sich für einen echten Normannen geziemt: Tore plündernd und im Strafraum brandschatzend versenkte er mit einem klasse Traumtor den Ball zum 1:0. Eine mehr als verdiente Führung.

Marvin Gnaase steht goldrichtig - 1:0

An dieser Stelle sei Gästekeeper Leander Wallmann lobend erwähnt, bei dessen Namen ich immer unwillkürlich an Mankells Romanfigur, den Kriminalkomissar Wallander, denken mußte. Nicht nur, das er abgesehen vom Gegentor den Kasten ordentlich sauber hielt. Nein, der arme Kerl mußte auch unseren Schrägtongesang ertragen und konnte trotz Rückstand über unsere flachen Witze lachen. Ehrensache für mich, ihm nach dem Spiel zum Ausgang der Partie zu gratulieren und ihm in die Hand zu versprechen, beim nächsten aufeinandertreffen noch schräger und lauter zu singen.

Normannia machte in der Folge Druck, um den Spielstand zu erhöhen und den Sack zuzumachen. Aber Fußball wäre nicht Fußball, wenn es nicht doch anders kommen würde, als man denkt.











Tja, dann kam die 71. Minute, in der zunächst NSU-Kapitän Martin Hess erfolgreich war und die Normannia zum unerwünschten Anstoß schickte.

Unerwünschter Anstoß.
Noch sah man im Gmünder Fanlager dieses Ausgleichstor als einen Betriebsunfall, wie er nun mal in jedem Fußballspiel vorkommt. Allerdings haben die Neckarsulmer einen echten Pustekuchen gebacken, denn lediglich 3 Minuten später gibt sich Steffen Elseg die Ehre, sich in die Torjägerliste einzutragen. 1:2, wie datt denn?

Und plötzlich jubelt Neckarsulm. 1:2.

Was soll man sagen? Normannia bäumte sich natürlich auf, doch wenn der Wurm einmal drin ist, dann ist er drin. Oder anders ausgedrückt: es herrscht halt im Fußball auch nicht alle Tage eitel Sonnenschein.






Pascal Marche macht schon mal in Vorfreude auf den Sieg einen Luftsprung....

... und Magnus Burkhardt rückt in die Offensive vor.
Am Ende war das Aufbäumen vergebens, und als nach drei Minuten Nachspielzeit Schiedsrichter Markus Seidl die Partie abpfiff, herrschte totaler Unglaube im Normanniarund. Glaubt man dem Spielbericht aus Neckarsulm, dann auch bei der NSU, die nach acht Auswärtsspielen endlich mal wieder einen Dreier in fremden Betten feierte.

Aus, vorbei und amtlich: NSU gewinnt beim FCN.
Fußball ist eine launische Diva. Erst feiert man einen historischen Auswärtssieg, dann setzt es eine unglückliche Heimniederlage. Da es Neckarsulm verstand, aus zwei Torchancen zwei Tore zu machen, ist der Sieg in Ordnung und verdient. Für unsere Anzeigetafel, die bislang nur Niederlagen mit einem Tor unterschied und witzigerweise immer 93 Minuten anzeigen muß, besteht nöchste Woche gegen den Allgäuer Vertreter FV Rot-Weiß Weiler die Chance, endlich einen Heimsieg anzuzeigen.

Und Tochter und Bruder? Trotz Niederlage bekundeten sie interesse, wieder im Schwerzer vorbeizuschauen. Also ihr Gmünder: ladet ruhig mal jemanden ein - Normannia freut sich über jeden Besucher!

Montag, 13. April 2015

Zeitenwende - Sportfreunde Schwäbisch Hall gegen 1. FC Normannia Gmünd



Lorbeer für den Sieger - Normannia nach einem historischen Sieg

"And gentlemen in England now-a-bed
Shall think themselves accurs’d they were not here,
And hold their manhoods cheap whiles any speaks
That fought with us upon Saint Crispin’s day."
William Shakespeare, Henry V.

Es dauerte mehr als ein Schwabenalter um Geschichte zu schreiben. Aber das warten hat sich wohl gelohnt, und "Edelfans in Gmünd, jetzt vor Sky Sports, verfluchen einst, daß sie nicht hier gewesen, und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht, der mit uns focht in Schwäbisch Hall". Pathetische Worte, gewiss, aber man wird nur selten Zeitzeuge einer Zeitenwende.

Doch zunächst ein Griff ins verstaubte Archiv des Spätzlesblogger, um diese Gefühlswelten nachvollziehbarer zu machen. Wir schreiben den 19. Dezember 1971, und im Normanniastadion siegt die Schwerzerelf in der 1. Amateurliga Nordwürttemberg - damals immerhin dritthöchste Spielklasse - gegen den Aufsteiger aus Schwäbisch Hall mit 2:1, nachdem das Hinspiel in Hohenlohe am 5. Spieltag mit 1:0 verloren ging.

Was damals niemand ahnen konnte - für über 40 Jahre blieb das der einzige Erfolg der Normannen in einem Ligaspiel. Zugegeben, Schuld daran war zum Teil, das weder Hall noch Gmünd besonders häufig aufeinandertrafen - sowohl die Sportfreunde als auch die Normannen hatten seit 1971 ihre Hochs und Tiefs. Erstaunlich ist es  aber schon, wenn man sich vorstellt, das vom aktuellen Team beim letzten Normanniasieg noch niemand geboren war, Fußballbereichsleiter Heinz Eyrainer noch selber aktiv gegen den Ball trat und ich noch völlig sorglos in die Windeln machte. Auch im Fußball änderte sich seitdem viel - keine 1. Amateurliga mehr, kein SV Rehnenhof, der in derselben auf Normannia traf, und auch vom TSF Esslingen hört man lange nichts mehr. Eine ausführlichere Geschichte der Haller Sportfreunde hatte ich beim ersten Besuch 2013/14 geschrieben.

Für die Schwerzerelf um Beniamino Molinario sind solche historische Statistiken sicherlich ein nettes Schmankerl, mehr aber auch nicht. Denn die volle Konzentration der Elf aus der Stauferstadt gilt der aktuellen Lage, und die Spielfreude, die die Mannschaft an den Tag legt, ist eine gute Werbung für den Amateurfußball und muß einen Vergleich mit der Vergangenheit nicht scheuen.

Direkter Vergleich (nur Liga)
Das Stadion Auwiese, in der Vergangenheit Spielort gegen Normannia, ist mittlerweile Geschichte und wird immer noch zu einer neuen Kocherarena umgebaut. Daher fand die Partie heuer im Schenkenseestadion statt, das seine besseren Tage erlebte, als Adenauer noch Bundeskanzler war. Als Leichtathletik-Arena konzipiert, ist die Sicht auf das Spielfeld äußert ungünstig, aber die Tartanbahn verbreitet Lust auf ein 400-m-Läufchen oder Intervalltraining. Das nächste aufeinandertreffen beider Teams wird also in einem schicken kleinen Amateurstadion stattfinden. Für Hall möchte ich hierbei hoffen, das auch mehr Zuschauer den Weg zu den Sportfreunden finden. Denn obwohl die Kocherelf einen ansehnlichen und durchaus erfolgreichen Fußball spielt, gehört das Team nach Zuschauerzahlen zu den Schlußlichtern der Verbandsliga.



Gaetano, ein echter "alder Seggl"
Nach Schwäbisch Hall zu gelangen, ist zwar nicht unmöglich, aber doch etwas umständlich. Nicht unerfreut waren wir beide "alde Seggl" Mario und ich, das uns Gaetano Molinari einlud, ihn in die Kochermetropole zu begleiten. Als dank - und weil er es nun auch wirklich verdient hat - überreichten wir Gaetano einen "Alde Seggl"-Schal, den er auch dankbar annahm und Stolz während dem Spiel trug. So einen Schal kann man nicht kaufen, sondern nur verdienen, und die Grundqualifikation für "alde Seggl" hat er ja erfüllt: die silbergrauen Haare.

Bredi als doppeltes Unikat
Apropos Geschenke: Für Claus Breitenberger alias "Bredi" hatten sich die Sportfreunde aus Schwäbisch Hall eine besondere Überraschung ausgedacht. Er bekam ein Unikat des Stadionheftes ausgehändigt mit einem Foto aus dem Hinspiel, das ihn mit Halls Dennis Ruiz-Maile zeigt. Eine ausgezeichnete Idee und ganz großer Sport des Ligakonkurrenten aus dem Hohenlohischen.





Apropos "Alde Seggl": unser optisches und moralisches Vorbild war ebenfalls mit von der Partie und zierte die Bande im Schenkenseestadion, um den von Nico Schoch drapierten Banner- und Fahnenmeer Gesellschaft zu leisten.

Auftakt zum Showdown am Kocher
Selbstverständlich strotzten wir aus einer Mischung von Selbstbewußstein und Galgenhumor - nicht umsonst suchte ich immer eine Tasche, um die Punkte einzupacken - aber so selbstsicher war zumindest ich nicht. Das späte Gegentor im Spiel gegen Göppingen lag noch unverdaut wie ein Stein in der Magengrube, und einmal mehr lernte auch ein Normannia-Anhänger, dass ein Spiel neunzig Minuten dauert, ein Ball rund zu sein hat und Bäre ihre Felle erst ablegen, wenn sie tatsächlich ausgebreitet vor dem Jäger liegen.



90 Minuten schräge Fangesänge und lauthalses Herumgrakelen sind natürlich antrengend, aber wir taten unser bestes und ich hoffe zumindest, das wir uns gräuslich anhörten. Auf der Gegengerade, wo die kleine Sprecherkabine stand, hörten wir uns bestimmt an wie ein Hund, den eine Planierraupe über die Pfoten fährt. Also allerbeste Einschüchterungsqualität. Derweil begrüßte der Sprecher die Gäste aus Normannia Gmünd, nicht Schwäbisch Gmünd.
Gaetano und wie er das Spiel sah.
Torraumszene vor dem Haller Tor.











Die erste Halbzeit im windumspielten Schenkensee gehörte den Gastgebern, das muß man neidlos eingestehen, wenn auch die Überlegenheit nicht drückend war. Aufregung herrschte alsbald, als ein Handelfmeter gegen Normannia gepfiffen wurde. Düstere Vorahnungen kamen in mir auf, aber Magnus Burkhart bewies, das ich von Fußball keine Ahnung habe, indem er eiskalt wie Bruce Willis den Elfer parierte.


Zur Sättigung in der Halbzeitpause bot der Heimverein Stadionwurst, Rostbratwurst und Fleischküchle nebst einigen Kuchen an. Ansprechender war hingegen das Haller Löwenbräu.

Rechts das Banner, links der einzige tapfere und lautstarke
Fan der Sportfreunde Schwäbisch Hall.
Die zweite Halbzeit hatte es - wie bei Normannia schon fast üblich - in sich. Die Schwerzerelf spielte wesentlich besser auf oder die Haller waren von ihren vergebenen Chancen aus der 1. Hälfte deprimiert - was auch immer es war, es kam die Gmünder Stunde.

In der 60. Minute schlug sie dann auch wirklich und leibhaftig. Marvin Gnaase trägt sich nämlich in die Torschützenliste ein, bringt plötzlich Hoffnung zu den Fans, diese fast 44jährige Schmach endlich nicht wieder geschehen zu lassen.

Der Schiri zeigt zur Mitte, die Normannia-Spieler jubeln:
Marvin Gnaase hat das 1:0 für Gmünd erzielt.
Jetzt begann sie wieder, diese schrecklich lange Phase bis zum Schlußpfiff. Natürlich rückte Hall jetzt verstärkt auf, aber wesentlich konzentrierter als sonst schienen die "Boys in red" ihre Sache in der Abwehr zu erledigen. Große Aufregung herrschte beim Normannia-Anhang, als Gabriel Simion für unseren Geschmack viel zu lange nach einer Verletzung am Spielfeldrand verharren mußte, ehe der Schiedsrichter ihn endlich reinwinkte.










Felix Bauer macht die Geschichte amtlich: 2:0
Und dann, als immer noch die Furcht mitspielte, Hall könne in der Schlußphase doch noch den Dreier versauen, da machte Felix Bauer in der 87. Minute den Sack zu und schlug ein neues Kapitel in der Geschichtsschreibung der Normannia auf: 2:0, und der lange Fluch ward endlich endlich gebrochen, und das auch noch Auswärts!













"And we were singing, hymns and arias..."

Es ist vollbracht! 44 Jahre sind auch wirklich genug. Und das waren die Recken des 11. April 2015: Magnus Burkhardt; Jochen Baß; Marcel Funk (46. Manuel Seitz); Patrick Krätschmer; Felix Bauer (87. Daniel Glück); Marvin Gnaase; Gabriel Simion; Mihael Jakovljevic; Guiseppe Catizone (75. Timo Zimmer); Musa Ayaz und Tobias Ex. Den Trainer Beniamino Molinari natürlich nicht vergessen. Merkt euch die Namen gut: womöglich dauert es wieder 44 Jahre, bis ein neues Team einen Sieg in Schwäbisch Hall holt.

Wenigstens die Erfolglosigkeit in Hall hat sich geändert. Gleichgeblieben ist nur mein Wunsch für Schwäbisch Hall von der Vorsaison: das der Verein mehr Zuschauer ins Stadion lockt. Aber vielleicht bringt ja wirklich der neue Sportpark auch neue Impulse in die Stadt.


Samstag, 11. April 2015

Alde Seggl beim Amateurfußball - Normannia Gmünd gegen FSV 08 Bissingen und 1. Göppinger SV

Nach dem 0:0 in Bissingen.
Zwei Spieltage mit Normannia, und dabei zwei richtig geile Spiele erlebt. Auch wenn die Punktausbeute leider nicht den Erwartungen entsprach, so durfte ich am 28. März in Bissingen und mehr noch am 4. April gegen Göppingen Werbung für den Amateurfußball erleben, wie er eigentlich schöner nicht sein kann. Aber der Reihe nach.

Der 28. März führte uns wieder einmal zum Tabellenführer FSV 08 Bissingen, dessen letzte Niederlage vom Oktober 2014 datiert. Eine bärenstarke Truppe mit Ambitionen in Richtung Oberliga, und sollte nicht gerade ein Fußballteufel sein Unwesen treiben, so dürfte der Rückkehr ins Baden-Württembergische Oberhaus nichts im Wege stehen.

Als "alde Seggl", die mein Kumpel Mario und ich nun mal sind, fuhren wir zur Auswärtsfahrt natürlich mit der Bahn, stets den Fanschal um den Hals. Wenn sich schon die Mannschaft den Allerwertesten aufzureisst, so können wir wenigstens in der Öffentlichkeit Farbe bekennen.

"Alde Seggl" ist dabei mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Mit einer ordentlichen Portion Selbstironie haben wir uns mittlerweile als "Alde Seggl Ultras" firmiert und tragen zusätzlich zum offiziellen Normannia-Schal einen eigens gefertigen Seggl-Schal. Aber das nur am Rande.

"Wohin wollt ihr?" lautete die Frage des Taxifahrers in Bissingen. "Ach so, FSV. Da gehe ich erst hin, wenn sie in der 1. Liga kicken". Nun, so weit wird es wohl nicht kommen, aber das hat man ja schon von vielen Clubs gedacht. Zumindest waren wir vor dem Vereinsheim da - die Wirtin hatte noch nicht geöffnet, was zu sehr ernsten Engpässen bei uns führte. Weniger wegen dem Konsum eines Gerstensaftes vor der Partie, als eher der dringend notwendige Toilettenbesuch. Und bei Tageslicht in Hecken pinkeln tun wir nicht mal im Gaststadion.



Aber jede Wartezeit nimmt mal ein Ende, und so saßen wir, um Liter erleichtert, am Tresen, bewunderten die dort präsentierten Fanschals des FSV 08 und von Hajduk Split, und freuten uns in aller Ruhe auf das Wiedersehen mit Hardy Lindner, dem FSV-Mann, mit dem man sich so schön über den TV Derendingen unterhalten kann.

Ein ungewohntes Bild zeichnete sich am Kassenhäuschen ab: hier standen Menschen in der Schlange. Auch wenn ich die von der Ludwigsburger Kreiszeitung veröffentlichten 400 Zuschauer ins Reich der Phantasie verweisen möchte, so waren die gut und gerne 300 Amateurfußballfreunde alles andere als enttäuscht vom Spiel. Aber ob 300 oder 400 ist in Bissingen einerlei - das Publikum dort gehört wie in der vergangenen Saison zur Kategorie Hallenschachultras, und es bedarf lediglich eines Mario, eines Gaetano und mit, um wenigstens akkustisch eine Partie in eine Heimspiel zu verwandeln - was wir schließlich auch skandierten.

Was sich in der Vorwoche gegen Albstadt bereits abzeichnete, wurde auch in Bissingen deutlich: Normannia kann richtig geil Fußball spielen - ich entschuldige mich für das derbe Wort "Fußball". Abgehakt werden durfte die Partie unter der Rubrik "0:0 der ziemlich guten Sorte", auch wenn phasenweise Glücksgöttin Fortuna ihre schützenden Hände über die Normannen hielt. Aber: es war kein ermauertes 0:0 beim seit 13 Spielen ungeschlagenen Tabellenführer, sondern ein verdientes. Die Burkhardts im Tor ließen einfach keine Treffer zu.













Wir Fans waren guter Laune. Neben uns stand ein unermüdlicher Bissinger, der sich über unsere zugegebenermaßen nicht Opernhaustauglichen Gesänge amüsierte, der aber auch zugab, dass er es toll findet was wir da treiben. Ihm verdankte ich auch den Tipp, statt des am Grill verkauften Wullebieres ins Vereinsheim ein Bier im Becher zu ordern. Zur Belohnung mußte ich ihm eins spendieren.

"Pleidelsheim Pleidelsheim! Hey! Hey!"
Derweil feierten Mario und ich lautstark Gaetano und den GSV Pleidelsheim. Genau: Pleidelsheim. Die A-Jugend trat nämlich in Anschluß der Verbandsligapartie zu einem Freundschaftsspiel an. Als die Jung an uns vorbeiliefen, skandierten wir GSV-Fangesänge. Nach der Partie kam dann auch ein GSV-Kicker zu mir und fragte: "Könnt ihr denn nicht noch bleiben und uns ein wenig anfeuern?"



Konnten wir leider nicht, denn Züge warten nunmal nicht. Zur Strafe ging mein treuer alter Fanschal, den ich seit der Hunderjahrfeier 2004 mein Eigen nannte, verloren. Zuletzt durfte er noch mit dem Trainergespann Beniamino Molinari und Veselko Karačić posieren - und jetzt fühle ich mich wie Gollum auf der Suche nach "mein Schaaaaatzzzz".
Gute Laune nach dem Spiel: Nico Walter und Timo Zimmer.

Schmerzlich vermisst: mein Schal.


Große Vorfreude herrschte auf das Traditionsderby gegen den 1. Göppinger SV eine Woche später. Die Göppinger, die punkte- und tabellenmäßig auch nicht am Hungertuch nagen, waren eine weitere schwere Prüfung für meine Normannen. Leider fand die Partie durch das Wetter bedingt nur auf dem Hockeyfeld statt - ein echter Hartplatz und im Gegensatz zu den vorbildlichen Kunstrasenplätzen in Berg oder Bissingen kein Platz für schöne Fußballspiele.






Aber wie so oft, wenn ich Laie meine, mich als Fußballexperte aufspielen zu müssen, werde ich eines besseren belehrt. Was beide Mannschaften dort aufs Parkett legten, war feinste Sahne, eine würdige Werbung für den Stadionbesuch und "Glotze aus, Stadion an!". Lediglich die Zuschauerzahlen hätten besser sein dürfen, doch die 346 Fans, von Claus-Jörg Krischke handgezählt, waren am Spieltag nicht zu toppen - das waren immer noch so viele wie in Böblingen, Gärtringen, Neckarsulm und Laupheim zusammen. Die Marke Normannia beginnt halt doch wieder zu ziehen, und das junge Team um Beni Molinari legt einen begeisternden Fußball hin, der für die Zukunft gutes erhoffen läßt.

Singing in the rain
 Mit einem ganz besonderen Zuschauer durfte ich mich ausgiebig unterhalten. Ferdinand Hierholz, in den Fünfzigerjahren Dauertorschütze der Normannia, besuchte seine alte Heimstätte mal wieder. in der Saison 1954/55 war "Nandi", wie man ihn liebevoll nannte, mit 21 Treffern hinter Eislingens Legende Sepp Haag zweitbester Torschütze in der 1. Amateurliga Württemberg - und das im Abstiegsjahr der Normannen. Wie wichtig Hierholz für das Team war, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass das Team unter Spielertrainer Sepp Ledl insgesamt 46 Tore erzielte.

Immer gut drauf: der "12. Mann"
Begeisterte Nachwuchsfans


Ganze Energie für Normannia








Auch Albert Klammer ist zufrieden











Große Begeisterung herrschte beim Publikum, und vor allem die jungen Fußballfreunde kamen auf ihre Kosten und in ihrer Begeisterung standen sie uns "alde Seggl" in keinster Weise nach. Im Gegenteil, man konnte sogar von ihnen noch lernen.

Entjungferung feierte die neue Anzeigetafel. Der "12. Mann" organisierte, baute, sammelte - und heraus kam ein neues Prachtstück der Verbandsliga Württemberg - meines Wissens besitzt nur noch Bissingen eine digitale Anzeigetafel. Die Premiere ging leider in mehrere Hisnicht schief. Kein Kaiserwetter, das Spiel auf dem Hartplatz statt bei der Tafel auf dem Rasen, und am schlimmsten: die Ära der neuen Anzeigetafel begann mit einer Niederlage in der Nachspielzeit.

Wenigstens Rückkehrer Felix Bauer durfte sich in die Torjägerliste eintragen, aber das Drama der Partie wiederzugegeben, fällt schwer. Rückstand kurz vor Schluß, Normannia-Ausgleich in der 90. Minute, Todesstoß in der 93. Minute... Als Trost bleibt die Tatsache, das wir trotz der 2:3-Niederlage ein Spiel auf verdammt hohen Niveau erlebten. In mir lebt die Hoffnung, dass sich diese Begeisterung, die Mannschaft und Zuschauer zeigen, sich immer weiter nach Außen trägt, das fußballfaule Gmünder wieder ins Stadion zurückkehren.

Nach dem Spiel ging ich zu Göppingens Torwart Kevin Rombach, um ihn zum Sieg und seiner Leistung zu gratulieren. In meinen Augen der Matchwinner des Tages, ohne den die Göppinger vielleicht nicht als strahlende Sieger dagestanden hätten. Seine Reaktion bestand aus "Sie sind doch der Hansjürgen Jablonski, oder nicht? Ich lese das im Internet", womit ich mich ein wenig geadelt fühle.

Noch einmal lauter Jubel nach dem 2:2



Die letzten drei Spiele zeigten deutlich, das es ziemlich geil ist, ein Normannia-Fan zu sein. Generell durfte ich mit den Normannen dreimal eine verdammt gute Werbung für den Amateurfußball erleben, der mir persönlich ja so am Herzen liegt. Meine große Bitte: Egal, ob Ihr Gmünder, Göppinger, Albstädter, ob Bettringer, Tübinger oder Biberacher seid - wenn Ihr Fußball liebt, dann unterstützt Euere Heimmannschaft. Denn gerade der Amateurfußball lebt durch seine Fans!

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oder

Glotze, Stadion an!