Montag, 31. März 2014

Wildwest im Weilerhau - TSV Plattenhardt gegen TV 89 Zuffenhausen

"Heute ist der 30. Mai" - Der Tower erteilt die Erlaubnis zum Toreschießen.
Plattenhardt? Plattenhardt? Ja, es gibt so Vereine im Land, die kennt man und kann dennoch nichts über sie erzählen. Die TSV Plattenhardt 1895 aus dem 1938 eingemeindeten Stadtteil Filderstadts ist so ein Kandidat. Die traditionsreiche Jahreszahl muß bei einem Großsportverein nicht zwangsläufig bedeuten, dass auf den Fildern bereits im ausgehendem 19. Jahrhundert organisiert gegen das runde Leder getreten wurde.

Ein schickes Wappen führt die TSV, die tatsächlich eine "die" und kein "der" TSV ist. Die Abkürzung steht nicht, wie man erwarten könnte, für Turn- und Sportverein, sondern für Turn- und Sportvereinigung, was dazu führt, dass der Verein in manchen Tabellen und Statistiken als TSVgg abgekürzt wird. Wie auch immer, das Wappen findet Platz auf einer Tasse, was somit eine klare Entscheidung für mich war, die Reise auf die Fildern in Angriff zu nehmen.

Eingang zum Weilerhau.
Sportlich bringt man Plattenhardt wohl eher mit dem bis 2005 ausgetragenen Porsche Tennis Grand-Prix in Verbindung. Das fußballerische Aushängeschild in Filderstadt ist der SV Bonlanden, der gerade in der Verbandsliga gegen den Abstieg kämpft, über die TSV Plattenhardt läßt sich recht wenig erzählen. Landesliga haben sie mal gespielt, aber das war es schon, was ich so aus dem Stegreif über den Verein hervorzaubern kann, und dorthin können sie auch wieder hin. Zumindest über die Relegation, der Tabellenführer der Bezirksliga Stuttgart - Calcio Leinfelden-Echterdingen - ist wohl kaum noch einzuholen.

Plattenhardt im Nacken sitzt der SC Stammheim, und die Mannschaft aus dem Weilerhau tut gut daran, die Gäste aus Zuffenhausen nicht zu unterschätzen. Zuffenhausen ist in der Welt der Fußballhistorie natürlich ein Begriff, aber am Sonntag gastierte nicht der ruhmreiche FV 98 - der ist schon längst Geschichte und mittlerweile ein Anhängsel im SSV - sondern der TV 89 Zuffenhausen.
Als ob das nicht schon reichen würde, TV 89 mit FV 98 verwechseln zu können, so haben die Turner noch mit dem TSV Zuffenhausen einen weiteren entfernten Namensvetter im Fußballgeschehen.





Die Anreise nach Filderstadt geschieht mit dem günstigen MetropolTagesTicketStuttgart, sogar der VVS-Bus vom Bahnhof Bernhausen zur Anlage in Plattenhardt ist im Preis inbegriffen.

Nach ein paar Minuten Fußmarsch von der Bushaltestelle erreiche ich auch die Sportanlage, die die Heimat der TSV ist. Es ist frühsommerlich warm, und die Menschen sitzen im Biergarten, promenieren in den Grünanlagen oder spielen mit den Kindern auf dem Spielplatz.

Die Anlage des TSV Plattenhardt ist recht groß und durchaus auf Landesliga-Niveau. 3 Fußballplätze (1 Rasen- und 2 Hartplätze) sowie ein Umkleidetrakt, der Platz für 6 Mannschaften bietet. Am besten gefällt mir jedoch der "Tower", die Sprecherkabine, die vom Sprecher je nach Spielort entweder Richtung Rasen oder eben Kunstrasen besetzt werden kann. Beim meinem Eintreffen um 13:45 Uhr ist auch schon was los.

Plattenhardt II gegen Untertürkheim.
Im Hintergrund der Tower.
Auf dem Hartplatz tritt die zweite Mannschaft der TSV gegen den Tabellenführer der Kreisliga A, der SG 07 Untertürkheim an. Die SGU läßt sich auch nicht lumpen, sondern führt zur Halbzeit souverän mit 1:3 im Weilerhau, was dazu führt, das Plattenhardts Trainer seine Jungs in der Pause ordentlich zusammenfaltet. "Die sind von oben bis unten alle in blau gekleidet, das sind hervorragende Unterscheidungsmerkmale", klingt seine Stimme im schönsten Honorationenschwäbisch, "UND DENNOCH KÖNNET DIE UNGEHINDERT IN UNSERER HÄLFTE AGIEREN!?!?!?! SIEHT DIE DENN DA KEINER IM FREIEN RAUM??? DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN, JUNGS!!!!" - Selbst ich ziehe meinen Kopf ein und schaue schuldbewußt zum Boden, dabei habe ich die Halbzeit doch nur vom Spielfeldrand aus beobachtet.

Doch auch die 2. Halbzeit sieht die Untertürkheimer agieren, Plattenhardt nur reagieren, und die SGU erhöht auf 5:1. Neben mir stehen ein paar ältere Herren, die sich weniger für das Spiel interessieren. Unentwegt reden sie von künstlichen Hüftgelenken, Blut im Urin oder Kathedern. Mittlerweile füllt sich der Sportplatz auch, ein später gekommener Zuschauer fragt mich nach dem Spielstand. "1:5" - "Okay, dann gewinnen sie heute nicht mehr hoch". Galgenhumor hilft manchmal.
Okay, die Plattenhardter gehen unter, doch sie kämpfen, erzielen noch das 2:5, was aber auch der Endstand ist. Untertürkheim bleibt weiter auf dem Weg Richtung Bezirksliga, Plattenhardt II dafür weiterhin in Abstiegssorgen. Mein Kreisliga-A-Fluch bleibt bestehen: die Heimmannschaft hat verloren. Nur ist es diesmal nicht wirklich überraschend.
Kaffee und Kuchen oben,
Bier und Bratwurst unten.
Langsam kommen die Zuschauer.











Für die Untertürkheimer ist der restliche Tag insofern von Interesse, da sie heute zwei mögliche Konkurrenten der nächsten Saison beobachten können, und so verharren denn auch einige Untertürkheimer für den Rest des Tages im Weilerhau.

Findet man überall, auch auf Tassen:
das TSV-Wappen.
Der Rasenplatz ist eine kleine schnuckelige Arena, auf der einen Seite mit einer richtigen Stehplatztraverse, auf der anderen Seite mit einer "Liegewiese" versehen. Die erste Halbzeit kann ich also schön im Liegen geniessen. Auch Spaziergänger können als echte "Zaungäste" einen Blick auf Spielgeschehen werfen, dennoch sind zahlreiche zahlende Zuschauer anwesend, wie ich zufriedenstellend bemerke. Von meinem gemütlichen Platz auf der Liegewiese zähle ich bei Spielbeginn knapp 130 Zuschauer auf den Stehplätzen, nochmals ca. 20 bis 30 dürften auf meiner Seite sein. Unter den Zuschauern ist auch eine kleine blau-weiße Zuffenhausen-Gruppe, ein Zuschauer sogar mit TV-89-Fanschal. Ansonsten ist es - trotz großen Fanshop-Angebotes der Plattenhardter - was Vereinsfarben angeht sehr mau. Wenigstens die Eckfahnen präsentieren stolz das TSV-Wappen. Sehr informativ ist das vierfarbige Stadionblatt, der 55 Seiten starke "Weilerhau Express", der auch noch bei jedem Heimspiel extra erscheint. So nobel geht es bei der Normannia nicht zu. Willige Werbepartner müssen wohl da sein.

Zaungäste.
Zahlende Gäste.









Einwurf Richtung Plattenhardter Tor.

Ein paar spielende Kinder sind noch im Fußballdress da, aber in Trikots des VfB Stuttgart oder das furchtbare neue Auswärtstrikot der Nationalmannschaft, das ja nun eher nach Hollywood denn nach  Fußball aussieht. Ein kleiner pummeliger Junge ist gar komplett bis auf die Stutzen im Dress von Borussia Dortmund gekleidet da, was seine VfB-Freunde mit "kleine dicke Biene Maja"-Gesängen oder der rhetorisch gemeinten Frage "BVB? Bist du eigentlich dumm?" karikieren.

Beim einlaufen aufs Spielfeld begrüßt der Stadionsprecher aus seinem "Tower" die Spieler und das Publikum mit "Willkommen im Weilerhau. Heute ist der 30. Mai 2014". Zugegeben, das herrliche Wetter und die Umstellung der Uhren auf die Sommerzeit kann einem schon im Wonnemonat wähnen.

Sicherer Rückhalt seines Teams.
Plattenhardts Keeper Alexander Busse.
Das Spiel beginnt sehr vielversprechend, Zuffenhausen wirkt auch alles andere als eine Mannschaft, die momentan auf Platz 8 jenseits von gut und böse vegetiert. Dennoch gehen die Gastgeber sehr zur Freude der Plattenhardter Zuschauer mit einem lehrbuchmäßigen Tor 1:0 in Führung.
Die Zuffenhauser Bank und das Zuffenhauser Publikum hadert derweil mit dem Schiedsrichter, und man ist durch den zeitnahen Ausgleich nicht milder gestimmt. "Ja, immer schön die Großen bevorzugen" klingt es von außerhalb des Spielfeldes, und ähnliches ist dann auch die vollen 90 Minuten über zu hören. Zwischenzeitlich führt allerdings der Tabellenzweite mit 2:1, aber Zuffenhausen setzt nach, um irgendwie auf den verdienten Ausgleich zu kommen.

Zuffenhausens Reserve
macht sich bereit.
Die Halbzeitpause nutze ich, um über den Namen Plattenhardt zu philosophieren. Später erfahre ich, dass "Platte" von "Ebene", "Hardt" vom "Wald" abgeleitet wird. Ob Plattenhardt wirklich so eben ist, kann ich nicht beurteilen, vor einem Tor ist zumindest ein echter "Hubbel" direkt auf der Torlinie. Dafür ist ein Kiefernwäldchen in der näheren Umgebung, und akkustisch merkt man die Nähe zum Flughafen in Leinfelden-Echterdingen.

Zum Seitenwechsel geselle ich mich zaghaft zum Zuffenhausener Grüppchen, das wenigstens nicht nach Sonntagsausflug sondern ein wenig nach Fußballfans aussieht. Vor dort aus geht es auch ein wenig lebhafter zu, wenn auch nur bei Schiedsrichterentscheidungen.

Der kleine Zuffenhausener Anhang.
Plötzlich habe ich eine dunkle Vorahnung, das ich theoretisch ja nächstes Jahr wieder im Weilerhau zu Gast sein könnte, wenn die TSV durch Relegation in die Landesliga auf- und Normannia durch ... "NEIN!" schimpfe ich in Gedanken mit mir, "an sowas denkt man nicht mal, du Bursche!"

Das Spiel bleibt spannend, Zuffenhausen ist durchaus gleichwertig, aber es wird auch ruppiger. Theatralisch fällt ein Spieler mit lautem Schrei zu Boden. "Das ist wie früher in den Wildwest-Filmen. Wenn die Indianer einen Pfeil durch die Brust geschossen haben, sind die Typen auch immer so Kerzengerade und schreiend mit der Hand vorm Bauch vom Felsen gestürzt" klärt ein Zuffenhausener auf. Ein seltsamer, aber irgendwie lustiger Vergleich.
Plattenhardts Abteilungsleiter Volker Mack ist sich noch gar nicht Siegessicher, und dreht, eine Zigarette rauchend, eine Runde um den Platz.

Chance vereitelt, Busse klärt.
Eine ganz dicke Chance haben die Zuffenhausener noch, als der Ball nach einem Freistoß elegant Richtung Toreck gezirkelt wird, doch Plattenhardts Keeper Alexander Busse rettet seiner Mannschaft die 3 Punkte. Zuffenhausens Ansturm wurde nicht belohnt, und als gegen Spielende der Schiedsrichter  einen Einwurf für den TV 89 aus aussichtsreicher Position verweigert, wird es nochmals laut im Rund.



Generell geht der Sieg für die Hausherren in Ordnung, wobei ich - ganz gegen meine Gewohnheit der sportlichen Neutralität - doch etwas Mitleid mit den Zuffenhausener habe.


Während der langen Heimfahrt in Bus, S-Bahn und Regionalbahn bin ich recht zufrieden. Fast zwei Spiele zum Preis von einem, gute Organisation beim Gastgeber, schönes Wetter, viele Tore. Zudem herrscht bei mir die Zuversicht vor, das die Normannia nur zum Pokal- oder Freundschaftsspiel nach Plattenhardt fährt. Oder wenn die TSV durchmarschiert. Aber danach sieht es auf den Fildern nicht aus.




Spielberichte:
TSV Plattenhardt: TSV - TV Zuffenhausen 2:1
TV Zuffenhausen: Kein Happy ◯nd
Kick-S: Letzte Konsequenz fehlt. TSVgg Plattenhardt - SG Untertürkheim 2:5



Kommentare:

  1. Der gute alte FV... Wirklich schade um den Verein. :-(

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    1. Ja, in der Tat. Wie gerne würde ich die nochmal auflaufen sehen. Die Duelle Feuerbach gegen FV 98 werden für immer der Vergangenheit angehören. Umso wichtiger für mich, die Vereine zu besuchen, die es noch gibt.

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