Dienstag, 11. März 2014

„Ein paar Engländer würden diesem Spiel guttun“ – Betrachtungen zum Derby Normannia Gmünd gegen Göppinger SV

Derbyzeit im Schwerzer. Die Birken im Normanniastadion haben schon größere Menschenansammlungen erlebt.

Ein typischer Fußballsamstag in Schwäbisch Gmünd bedeutet, zumal bei herrlichen Wetter, zunächst mal Einkauf, Kehrwoche, Gartenarbeiten oder Straßencafé. Und während man verwunderte Blicke erntet, indem man mit einem Normannia-Schal durch die Gmünder Innenstadt Richtung Schwerzer spaziert, so zieht das Gros der Gmünder Fußballfreunde mit VfB-Trikot und Sixpack bewaffnet zum Bahnhof, um die Regionalbahn nach Bad Cannstatt zu ergattern.

Viele Anhänger im Amateurfußball können ein ähnliches Lied singen. Sofern man nicht grundsätzlich eine Neigung zum Außenseiter besitzt, ist es nicht einfach, Normannia-Fan zu sein. Man wird milde belächelt oder irgendwelche selbsternannten Veteranen erklären dir, was früher alles besser war (vor allem der Zuschauerzuspruch) und was heute alles schlechter ist (vor allem der Zuschauerzuspruch). Das Angebot, doch mitzukommen und beizutragen, den Zuschauerzuspruch wieder auf höheres Niveau zu bringen, wird meist kopfschüttelnd quittiert. Kurz: gibt man sich bei einer Kneipendiskussion als bekennender Bundesliga-Verweigerer und Normannia-Fan zu erkennen, wird man bestenfalls als Exot gebrandmarkt.

Dem war nicht immer so. Bis in die späten Amateurligazeiten war das Normannia-Stadion als Hexenkessel berüchtigt und der lautstarke Fanblock „Birke 7“, buchstäblich nach einem der im Stadion vorhandenen Bäume benannt und heute ein Mythos, lehrte mancher Gastmannschaft das Fürchten. Davon ist man heute weit entfernt, und es ist müßig, darüber zu hadern oder nach den Ursachen zu forschen. Zumal man gewillt ist, etwas zu tun. Eine dieser Maßnahmen ist die sogenannte Ballmania. Dabei erwirbt man beim Kauf einer Eintrittskarte die Möglichkeit, gleich drei Gmünder Mannschaften zu bewundern (neben Fußball noch Volleyball und Handball).

Im Rahmen dieser Ballmania am 8. März bat nun die Gold- und Silberstadt Schwäbisch Gmünd zum Nachbarschaftsduell zwischen der heimischen Normannia und dem 1. Göppinger SV.



Die Göppinger, noch mit ausgestreckten Fühlern in Richtung Aufstieg, galten als favorisiert, während Normannia schon im Abstiegskampf steckte und auch noch unnötigerweise vom Verletzungspech gehatzt wird. Beide Teams konnten sich Punktgeschenke nicht leisten.

Ein Derbyklassiker, wie geschaffen für meinen Fußball-Nostalgiegeschmack im Ambiente des Normanniastadions.
Überschaubarer Zuschauerandrang am Südtor.
Eine kleine Notiz zum Stadionnamen. Offiziell spielt die Normannia im Jahnstadion. So nennt es aber höchstens ein Beamter im Stadtbauamt oder Google-Earth. Der Volksmund kennt es überwiegend als Normanniastadion. Die Doppelnamigkeit entstammt dem Umstand, dass der Rasen der Stadt, die Tribüne aber dem Verein gehört. Somit war damals der Verein der Sorge um einer ordentlichen Rasenfläche befreit und die Stadt erwarb einen Platz für den Schulsport.
Ferner spricht der Gmünder, wenn er zur Normannia pilgert, schlicht vom Schwerzer, nennt die Normannen liebevoll die Schwerzer-Elf. „Schwerzer“ bezeichnet lediglich die Gemarkungsfläche, als das Gebiet vor den Toren der Stadt lag und von der örtlichen Garnison als Exerzierplatz genutzt wurde. Damals war das Gebiet, abgesehen vom benachbarten Komplex des Spitals St. Katharina, nahezu unbebaut. Normannia gehört zu den Vereinen, die quasi seit Vereinsgründung stets an gleicher Ort und Stelle dem Leder nachjagen, noch lange bevor hier ein Fußballplatz zu erkennen war. Die Tribüne wandelte sich mehrmals im Laufe der Zeit, einige Birken wichen einem Neubau und seit kurzer Zeit wird der Spielstand per Anzeigetafel bekannt gegeben. Dennoch blieb das grundsätzliche Ambiente erhalten, auch wenn im Laufe der Jahre die Stadt der Normannia immer näher „auf dem Pelz rückte“, das Stadion „von der grünen Wiese“ mitten ins Stadtbild wanderte.
Die Tribüne aus den 50ern.
So fügte sich auch das glückliche Schicksal, das ich nur wenige Straßen vom Normanniastadion, wahrlich einem Steinwurf entfernt, zur Welt kam. Wieviele Bayern-Fan können sowas schon von sich behaupten?

Der 12. Mann bringt sich vor Spielbeginn in Stellung.
Spannend blieb die Frage, wieviele Zuschauer das Derby anlocken und ob die Ballmania den Zuspruch erhöhen würde. Mein Begleiter und ich grandelten bereits wie Waldorf und Sattler und befürchteten einen „Massenansturm“ von 325 Zuschauern.
Am Ende bedankte man sich zwar bei 548 Gästen, eine völlige Enttäuschung konnten wir allerdings auch nicht verbergen. Vielleicht lag es daran, das im Rund nie heimische Stimmung aufkommt. Zum Oberliga-Aufstieg 2004 tauchte plötzlich aus dem Nichts eine Rätschen-Gruppe auf, und seit 2011 versucht die kleine, aber rührige Fangruppe „Der 12. Mann“ dem Abhilfe zu schaffen. Zur Zeit erinnern mich allerdings Lieder wie „Normannia vor, schieß ein Tor“ an Schulsportfeste meiner Vergangenheit. Schade auch, dass man sich stur an den weiß-roten Stadtfarben - im Fußball eine inflationär austauschbare Farbe - statt den schwarz-roten Vereinsfarben orientiert.
Ungewöhnliches Beinkleid und Göppinger Fanschal.

Gästefans haben es bei entsprechender Motivation für gewöhnlich leicht, ein Match im Schwerzer zu einem Heimspiel zu verwandeln. Doch aus Göppingen kommt nur ein überschaubarer, unzentrierter Haufen Fans mit GSV-Schals und eine nicht definierbare Menge an unsichtbaren Zuschauern, die sich im Stadion verlaufen. Nichts, was ein kippen des Spiels zugunsten der Gäste beeinflussen könnte. Ein Anhänger des VfR Aalen verirrte sich im schwarz-weißen Fanschmuck ins Stadion und sah sich zur Abwechslung ein Spiel einer Liga an, die seine erste Mannschaft bereits vor langer Zeit verlassen hat. Die Zweite steht aktuell an der Spitze der Verbandsliga Württemberg.

Hoffenheim-Trikot auf dem Nebenplatz.
Auch die Göppinger sind traditionell in den Farben Württembergs gekleidet, treten aber heuer in schwarz an.
Unbeeindruckt vom ganzen Geschehen zeigen sich ein paar Jungs auf dem Nebenplatz. Während im Stadion eine Mannschaft aus der Nachbarschaft um Punkte spielt, kicken sie auf dem Hartplatz in Trikots von Borussia Dortmund, Juventus Turin oder der TSG Hoffenheim, einem Stadtteilverein aus dem badischen Sinsheim.

Vor dem Spiel zeigt der 12te Mann noch einmal Flagge mit einer Ein-Mann-Fahnen-Parade, die vor der ehrwürdigen Tribüne beginnt und zum Stammplatz der Fangruppe führt. Ich entfalte mittlerweile hinter dem Tor meine schwarz-rote Flagge und kläre meinen Begleiter über die Göppinger Fußballhistorie auf. Auf seine Frage, wie es möglich sein kann, das Göppingen 1895 auf dem Wappen stehen haben kann, verweise ich auf den brummenden Motor des Filstales und die Dichte an Traditionsvereinen. Zudem, was ist schon eine Jahreszahl? Normannia könnte ohne schlechtes Gewissen 1888 in den Vereinsnamen aufnehmen, würde es sich anstatt auf die Tradition der Fußballer auf die der Radfahrer berufen.
Flagge zeigen für Normannia.
Die TSB-Handballer sind erst um
19:30 Uhr dran und bilden den Rahmen
um meine schwarz-rote Flagge.










Nachwuchssupporterin mit
selbstgebastelter Normannia-Flagge.


Mehr Freude bereitet mir ein Mädchen, dass sich seine eigene Fanflagge gebastelt hat. „Für Normannia. Von Anna“ steht auf dem kleinen Papierfähnchen unter dem Normannia-Wappen, und wer weiß? Vielleicht wird aus der kleinen Anna eines Tages eine glühende Verehrerin des FCN und meisterliche Choreografin von Normannia-Fangesängen.


„So, jetzt sind wir überall herumgelaufen und alle haben uns gesehen. Können wir jetzt gehen?“ hört man von einem sportlichen Herrn im schwarzen Trainingsanzug. Neben mir haben die TSB-Handballer hinter dem Normannia-Tor Aufstellung genommen, zeigen aber keine Anstalten, das Stadion zu verlassen. In der 2. Spielhälfte haben sie dann Aufstellung im unteren Bereich genommen und blieben auch bis zum Schluß, obwohl in Gedanken sicherlich bereits beim eigenen Spitzenspiel gegen den TSV Deizisau.

Das Spiel selber entwickelt sich spannend wie erwartet. Zwei Mannschaften begegnen sich auf Augenhöhe, die Gäste mit nach meinem Geschmack unschön anzusehenden größeren Anteil an karätigen Chancen. Kein langweiliges Derby, doch zum mit der Zunge schnalzen fehlt der sprichwörtliche Funke.

Dramatische Szene vor dem Göppinger Tor.
Wenn die kleine Normannia-Fangruppe nicht gerade rätscht und trommelt, bruddelt es im Rund nur bei strittigen Szenen, ansonsten ist es auch nicht lauter als in einem Biergarten.
„Ein paar Engländer würden diesem Spiel guttun“, und ich erinnere mich wehmütig an seelige Verbandsligazeiten zurück, als ein paar in Gmünd lebende Engländer uns gelegentlich in den Schwerzer begleiteten, um Normannia zu unterstützen. Sie hatten wenigstens vollstes Verständnis, wenn ich bei langatmigen Spielminuten mein „Gott strafe England und Normannia“ bruddelte. Doch diese Zeiten sind vorbei, und ich richte meine Augen in die Gegenwart. In der Zweiten Hälfte erstarken die südlichen Nachbarn, ohne ein richtiges Übergewicht entwickeln zu können, und auch Normannia bleibt nicht chancenfrei. Ich bin kein Spielberichterstatter und verweise daher lieber auf das Video im unten verlinkten Spielbericht.
Kein Grund den Kopf hängen zu
lassen hatte Göppingens Keeper.
Ein munteres, wenn auch torloses Spiel
sahen die Zuschauer im Normanniastadion.

Aufregung herrscht nochmals eine Viertelstunde vor Schluß, als Normannia-Keeper Kühnle nach einem Zusammenprall ausgewechselt werden muß, am Spielstand ändert dies nichts. Die Zuschauer, unter ihnen Ex-Normannia-Coach Alexander Zorniger, sehen ein 0:0, mit dem beide Mannschaften leben können, die Normannia vielleicht sogar einen Tick besser als die Göppinger.

Normannias Ex-Trainer Alex Zorniger, jetzt RB Leipzig,
beim Besuch im Schwerzer.

Und was ist mit Pinguinen?
Später, in der benachbarten Schirmwerfverbotszone Großsporthalle, herrschte eine beneidenswerte Bombenstimmung bei Volleyball und vor allem Handball. Zugegeben, es ist wohl in der Halle einfacher, für Stimmung zu sorgen. Dennoch zeigt es sich, das Gmünder eine Ballsportmannschaft emotional unterstützen können. Woran liegt es? Weil Handball und Volleyball rasanter, schneller sind? Keine gähnend langweilige, „uneinholbare 1:0-Führung“, wie mal ein US-Sportreporter Fußball kolportiert haben soll? Vielleicht brauchen wir doch nur ein paar Engländer. Fachkräftemangel, im Supportbereich.

Noch viel später, bei einem Abstecher auf dem Weg nach Hause, begegnete ich noch den klassischen VfB-Fans in einer Gmünder Kneipe, die das Braunschweiger 2:2 zu verdauen hatten. Aber das ist auch wieder eine andere Geschichte.
Was will er mir damit sagen?









Spielberichte:
NWZ: "Gmünd gegen Göppingen: Nullnummer im Verbandsliga-Derby"
Normannia: "Ein Punkt als verdienter Lohn"


Kommentare:

  1. Hallo, mit großem Interesse sind wir gerade auf ihr Blog gestoßen. Wir hätten richtig Lust auf eine Hintergrund-Geschichte zu ihrer Leidenschaft. Wenn Sie daran Interess haben, würdne wir gern mit Ihnen sprechen.

    Sportliche Grüße,

    Kick-S Redaktion

    AntwortenLöschen
  2. Mailadresse zur Konatktaufnahme: einwurf [at] kick-s.de

    AntwortenLöschen